Da, wo die Angst ist, geht es lang

Now, contagion I exhale you
The deceiver says, he says
You belong to me
You don’t wanna breathe the light of the others
Fear the light, fear the breath, fear the others for eternity
But I hear them now inhale the clarity
Hear the venom, the venom in
What you say inoculated
Bless this immunity
Exhale, expel
Recast my tale
Read my allegorical elegy
Tool – Fear Inoculum

Der wichtigste Satz, die größte Erkenntnis fällt gleich zu Beginn meiner Zeit in der Klinik, direkt in der ersten Gruppentherapie. Es geht um Angst, um Vermeidung, und um Strategien dagegen.

Ich bin noch damit beschäftigt, überhaupt hier anzukommen und überfordert von den vielen neuen Eindrücken. Aber ein Satz der Therapeutin, die die Gruppe leitet, resoniert noch Wochen später in mir.

Da, wo die Angst ist, geht es lang.

Therapie in a nutshell. Vielleicht sogar das Leben in a nutshell.

Angst ist ein Thema, mit dem die meisten Patienten hier in irgendeiner Form zu kämpfen haben. Und trotzdem habe ich immer wieder den Eindruck, dass viele gar nicht ernsthaft daran arbeiten, diese Angst zu überwinden. Klar, wer sich nicht S-Bahn fahren traut, will das hier wieder hinkriegen. Aber dass man dafür vielleicht noch an ganz andere Ängste ranmuss als nur die, die sich an der Oberfläche zeigen, scheint vielen Menschen nicht klar zu sein. Oder vielleicht wollen sie es auch ganz bewusst nicht wahrhaben.

Auch ich bin ungeheuer angstgesteuert und sehr gut darin, mich selbst zu belügen. Und natürlich fällt es mir nicht leicht, das alles über den Haufen zu werfen und von heute auf morgen alles richtig zu machen. Auch ich vermeide. Und ich vermeide clever, vermeide manchmal so, dass es nach außen wie das Gegenteil aussieht, wenn man nicht genauer hinsieht. Und ich merke, dass selbst dann, wenn man ernsthaft seiner Angst nachgeht, man immer noch ganz schnell dazu neigt, sich die nicht so schlimmen Bereiche herauszusuchen.

Bisher war das hier in der psychosomatischen Klinik für mich nicht schwer. Es war anstrengend, ja, aber es war auch gut. Endlich lösungsorientiert arbeiten, endlich benennen können, was meinen Alltag so schwierig macht. Gefühle entdecken, die Anspannung regulieren. Selbst das Thema Borderline aufzudecken war spannend, herausfordernd, interessant. Mit Erkenntnisgewinn verbunden. Zukunftsorientiert. Ich habe es genossen. Auch weil ich weiß, was mich noch erwartet.

Denn das hier fühlt sich für mich wie ein Spaziergang an gegen das, was auf meinem Weg noch folgt. Traumatherapie etwa. Oder die Schematherapie, die mein Therapeut mir ans Herz gelegt hat.

Einen Vorgeschmack, wie schwer das wird, habe ich bei meinem Aufenthalt in der Psychosomatik schon bekommen. Einmal etwa, als wir vorhatten, konkret über das Trauma zu sprechen. Es ging nicht, ich konnte nicht, und so schlecht wie direkt vor und nach der entsprechenden Einzelsitzung ging es mir schon lange nicht mehr.

Und auch jetzt, in meiner vorletzten Sitzung, spüre ich Widerstand in mir. Mich erwartet eine Imaginationsübung aus der Schematherapie. Verbunden mit einer (natürlich) schmerzhaften Erinnerung an meine Kindheit, in die ich ganz bewusst zurückgehen soll. Vergangenheit, nicht Zukunft. Gefährliches Terrain. Weil der Schmerz immer weiter zunimmt, je länger ich zurückgehe.

Genau wie die Angst.

Ein großer Teil von mir will sich nicht mit meiner Vergangenheit befassen. Sie einfach weiter ruhen lassen, wie bisher auch. Es klappt doch immer ganz gut mit dem wegdrängen, früher oder später. Dass die Einbrüche, die Einschläge, die Erinnerungen jedes Mal umso heftiger wiederkommen? Geschenkt. Solange ich es nicht unmittelbar spüre, ist es eine reine Verstandesleistung, mir klar zu machen, wie schlecht es mir geht. Ich fühle Gefühle nur, wenn sie mich akut überfluten. Und auch dann nicht zuverlässig. Das ist hilfreich, wenn man sich selbst etwas vormachen will. Und ein Teil von mir will das, es ist eine Bewältigungsstrategie, die lange funktioniert hat.

Die aber schon eine ganze Weile an ihre Grenzen gerät.

Der rationale Teil von mir, der bewusst handelnde Teil, will das nicht länger. Und meistens ist er stärker als die Angst.

Und ich glaube genau das rettet mich.

 

Wenn man seine Probleme wirklich lösen will – die Ursache lösen will, anstatt immer nur die Symptome zu bekämpfen – dann muss man bereit sein, in die Tiefe zu gehen. Es reicht nicht, an der Oberfläche zu kratzen.
Es reicht nicht, es mit halber Kraft zu versuchen.

Wenn man wirklich an die Wurzel gehen will, muss man bereit sein, alles zu tun, was nötig ist. Therapie, das bedeutet eben auch, sich seinen Ängsten zu stellen. Sich dem Teil von sich zu stellen, der nicht ans Licht will.

Therapie bedeutet, dahin zu gehen, wo es weh tut.

Und das ist vielleicht das Härteste daran. Das kostet ungeheuer viel Mut, Kraft und Überwindung.
Denn die Angst vor sich selbst und dem, was da noch wartet in der Dunkelheit des eigenen Ichs, ist vielleicht die stärkste Angst, mit der man überhaupt konfrontiert werden kann.
Und man muss sie nicht nur einmal überwinden. Es reicht nicht, eine Therapie einfach anzufangen. Man überwindet die Angst jede Sitzung, jeden Tag, jeden Moment, in dem man sich für den neuen Weg entscheidet, statt für den alten.

Ich habe mich so lange selbst betrogen und eine Vermeidungsstrategie nach der anderen gefunden, um mich nicht mit meiner Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen. Tue das heute noch, immer wieder. Denn diese jahrelang verwendeten Mechanismen hören ja nicht von einem Tag auf den anderen auf zu funktionieren. Im Gegenteil.

Auch das erzählt mir eine Therapeutin. Wir sprechen über Skills, also Fähigkeiten, die mir dabei helfen sollen, mit der Anspannung umzugehen. Der „neue Weg“ ist eine Art Meta-Übung, ohne den kein anderer Skill langfristig funktioniert: Jede Handlung stellt uns vor die Wahl, sich zwischen dem alten und dem neuen Weg zu entscheiden.
Der alte Weg, das sind unsere erlernten negativen Muster und dysfunktionale Bewältigungsstrategien. Der neue Weg ist das, was wir in der Therapie aufdecken und lernen.

Natürlich macht dieser neue Weg ungeheuer Angst. Man weiß schließlich nicht, was auf einen zukommt. Der alte, ausgelatschte Pfad, die schlechten Bewältigungsstrategien sind immerhin vertraut.
Und das Perfide ist ja: sich einmal zu entscheiden reicht nicht. Ständig steht man an dieser Weggabelung, der alte Weg ist nie weit weg. Sondern immer irgendwo verlockend nah. Genau wie die Angst. Das ist die schlechte Nachricht.
Die gute: Keine Entscheidung ist endgültig. Einmal der Angst nachzugeben bedeutet nicht, ihr immer nachgeben zu müssen. Im Gegenteil. Man kann sich jedes Mal aufs Neue für den neuen Weg entscheiden, egal wie oft der alte ihn kreuzt und egal, wie oft man doch wieder ein Stück auf dem alten Weg läuft. Und das ist beruhigend. Denn wenn die Angst eines kann, dann verdammt hartnäckig zu sein.

In Therapie zu gehen, sich Hilfe zu holen, das ist die eine Sache. Die andere, viel schwierigere ist es, sich auch danach immer wieder für den neuen Weg zu entscheiden. Nicht nur abzuwarten, dass der Therapeut schon alles Relevante aus einem rausholt. Oder sich die Rosinen aus den Erinnerungen und dem Erlebten herauszupicken. Und die eigenen Ausreden, mit denen man sich und anderen dieses Verhalten schönredet, nicht zu hinterfragen.

Damit belügt man sich am Ende selbst.

 

Ich habe für mich entschieden, dass es mir den Aufwand nicht wert ist, wenn ich es nicht richtig mache. Das macht mir verdammt Angst – aber genau das zeigt mir, dass die Entscheidung richtig ist.

Angst ist allgegenwärtig, wenn man sich so intensiv mit sich selbst beschäftigt. Und sie zu erkennen, sie benennen zu können ist gut. Das ist der erste Schritt. Denn nur wer weiß, wie die Angst aussieht, wo sie lauert und wo sie in das Leben eingreift, kann sich ihr auch stellen.
Angst zu haben ist nichts per se Schlechtes.
Das Ziel muss auch nicht sein, die Angst vollständig zu überwinden.
Aber man kann die Angst nutzen, sie zu seinem Kompass machen auf dem Weg. Denn sie führt einen zuverlässig dahin, wo es weh tut. Und nur, wenn man diese Punkte bearbeitet, bringt einen das wirklich weiter.

Da, wo die Angst ist, geht es lang.

Also ziehe ich die Imaginationsübung durch, gerade weil sie mir Angst macht.
Ich mache die Augen zu und erinnere mich.

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