Die psychosomatische Klinik – Programm und Therapie

I’m about to have a nervous breakdown
Mein Kopf tut schon weh und mein Bauch tut’s auch
Dämonen kennen meinen Namen
Ich werd‘ verrückt, bitte hol mich raus
Pascow – Im Raumanzug

Ich bin seit drei Wochen in der psychosomatischen Klinik.

Meine Gedanken rasen und man sollte meinen, dass mir das genug Input geben würde, um Blogbeitrag um Blogbeitrag zu schreiben. Und tatsächlich rauscht Tag für Tag Erkenntnis um Erkenntnis durch meinen Kopf, sodass ich Mühe habe, mitzukommen. Und trotzdem spüre ich eine Blockade, wenn ich versuche, es aufzuschreiben. Es ist, als ob einfach zu viel auf einmal passiert. Und ich bin müde. Müde vom Denken, müde vom Begreifen. Müde von all den Zusammenhängen, die sich mir erschließen auf dieser Reise hinein in mich selbst. Nicht weil ich keine Lust mehr habe, im Gegenteil. Ich will das alles endlich begreifen und anpacken und ich hadere keine Sekunde lang damit, hier zu sein, im Gegensatz zu einigen meiner Mitpatienten. Aber es ist eben auch unfassbar anstrengend, sich die ganze Zeit mit sich selbst zu befassen. Und dabei den schwierigen Themen nicht aus dem Weg zu gehen.

Der Zeitplan, den die Klinik einem vorgibt, hat nicht umsonst so viele Lücken. Die brauche ich auch: um mal rauszugehen, Freunde zu sehen, spazieren zu gehen, aber auch um nachzudenken über all das, was hier passiert. In den Gruppen, Anwendungen und Therapien werden jede Menge Denkanstöße gesetzt. Aber so wirklich arbeitet es erst danach in mir, in den freien Momenten und Pausen. Darauf lassen sich natürlich nicht alle Patienten ein – vielleicht weil sie alleine nicht dazu in der Lage sind, vielleicht weil sie es nicht wollen. Ich merke aber, dass ich diese Pausen brauche, um meine Gedanken zu sortieren. Und manchmal auch, um mich abzulenken, weil es einfach nicht funktioniert, sich den ganzen Tag nur mit sich selbst zu beschäftigen.

Wie aber laufen meine Tage hier ab?

Jeden Sonntag bekommen wir einen Wochenplan. Der ändert sich im Prinzip nicht groß, wird nur manchmal nachjustiert. Er setzt sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen: Therapien, Gruppensitzungen, Sport, den Mahlzeiten.

 

Therapieformen

Die Station, auf der ich mich befinde, ist noch einmal in drei Gruppen aufgeteilt. Mit dieser Gruppe startet man jeden Tag in der Morgenrunde. Die steht jeden Tag unter einem anderen Thema. Am Montag setzen wir uns Wochenziele. Am Dienstag sprechen wir über unsere Gefühle, am Mittwoch gibt es eine Achtsamkeitsübung. Am Donnerstag entfällt sie, weil da Visite stattfindet. Am Freitag überprüfen wir unsere Wochenziele und am Wochenende kommt es immer ganz darauf an, welcher Therapeut Dienst hat.

Außerdem haben wir einmal die Woche gemeinsam die Themengruppe, wo wir – angeleitet von den Therapeuten – frei über Themen sprechen, die uns beschäftigen. Einmal pro Woche machen wir Progressive Muskelentspannung.

Dann hat jeder Patient entweder Kunst- oder Bewegungstherapie. Ich hätte mich persönlich in der Kunsttherapie verortet und war nicht glücklich darüber, für die Bewegungstherapie eingeteilt worden zu sein. Vor allem, weil mich niemand gefragt hatte und ich das als unfaire Fremdbestimmung empfunden habe. Das habe ich auch angesprochen, wobei es mir weniger darum ging, meinen Willen durchzusetzen als die Gründe erklärt zu bekommen. Und die Gründe haben mich am Ende auch überzeugt. Denn kreatives Arbeiten liegt mir, ich habe es schon als Ressource für mich entdeckt. Es könnte mir helfen, mir da noch andere Bereiche zu erschließen, vor allem in Bezug auf meine Anspannung. Außerdem habe ich de facto ein Problem in der Interaktion mit anderen Menschen, vor allem mit Abgrenzung. Und nicht zuletzt – und das Argument hat mich am Ende überzeugt – habe ich kaum Zugang zu meinen Emotionen. Ich kann meine Probleme immer nur auf der Verstandesebene lösen und rationalisiere alles, was mir passiert. Meine Probleme sind aber zum größten Teil emotionaler Natur und ich muss lernen, dazu einen Zugang zu finden. Bewegung und den eigenen Körper gezielt einzusetzen kann dabei helfen.

Das passte zu meiner Erfahrung in der ersten Stunde Bewegungstherapie. Wir sollten im Team Bälle jonglieren, was mir allein schon schwerfällt, weil ich nicht gut koordinieren kann. Mein Partner und ich konnten die Bewegungsabläufe nicht greifen und baten immer wieder darum, den Ablauf noch einmal erklärt zu bekommen. Die Therapeutin weigerte sich aber und meinte nur: „Nicht so viel Denken, nicht versuchen, es mit dem Kopf zu begreifen. Einfach den Körper machen lassen!“

Aber das konnte ich nicht. Ich war nicht in der Lage, es meine Hände einfach versuchen zu lassen, und redete mir ein, dass ich es ja wohl erst einmal mit dem Verstand durchschauen müsse, um es dann machen zu können.
Klassisches Rationalisieren.

Ich versuche es jetzt also mit Bewegungstherapie und merke zumindest bereits, dass das gut gegen meine Anspannung hilft. Außerdem bin ich noch in einer Gruppe namens Bewegung und Koordination. Da passiert ziemlich genau das, was der Name vermuten lässt. Und obwohl es total Sinn macht, dass ich da drin bin – weil ich nämlich so richtig schlecht darin bin, meinen Körper zu koordinieren oder überhaupt zu spüren – ist das meine Hassgruppe. Es ist anstrengend, obwohl wir immer sitzen oder liegen, und es frustriert mich.

 

Wissensgruppen

Ein weiterer Bestandteil sind die verschiedenen Gruppen, in denen Wissen rund um die Krankheiten und Symptome vermittelt wird, die sich hier so sammeln: Depression, Angst, Skills, Persönlichkeits- und somatoforme Gruppe. Das passiert im Gespräch und im Austausch mit den anderen Patienten, angeleitet von einem Therapeuten. Meistens gibt es Reader oder Handouts dazu. Ich bin in der Skills-Gruppe, um mit meiner Anspannung klarzukommen, und in der somatoformen Gruppe, um mehr über meine Gefühle und wie sie sich körperlich zeigen zu lernen.

 

Sport

Zusätzlich hat man Sport, auch dann, wenn man schon Bewegungstherapie macht. Da durfte ich mir selbst aussuchen, was ich machen möchte. Ich habe Atemtherapie und Qui Gong. Atemtherapie ist ein bisschen seltsam und ich brauche meistens fast die ganzen 30 Minuten, um mich wirklich darauf einzulassen, aber dann kann ich etwas entspannen. Qui Gong funktioniert deutlich schneller und besser. Ich merke aber, dass mich das alles nicht auslastet und werde zusätzlich noch regelmäßig in den Fitnessraum gehen, sobald ich eine Einführung bekommen habe. Da stehen ein paar Geräte, nicht viel, aber man kann frei zu bestimmten Uhrzeiten trainieren.

 

Gemeinschaftsaktivitäten

Dreimal die Woche treffen wir uns abends in den sogenannten Bezugsgruppen. Das sind vier fest eingeteilte Gruppen, in denen wir uns eine halbe Stunde beschäftigen sollen. Was wir machen ist egal und kontrolliert wird es auch nicht. Meistens unterhalten wir uns, gehen spazieren oder spielen ein Spiel. Ich würde diese Gruppe vermutlich ziemlich ätzend finden, weil sie keinen richtigen Sinn hat, außer dass man sozial interagiert (wobei mir die Therapeuten da vermutlich widersprechen würden). Aber zum Glück ist meine Gruppe ziemlich nett und schafft es manchmal sogar, mich abzulenken, wenn es mir nicht gut geht.

Die kontroverseste Veranstaltung ist vermutlich die Freizeitaktivität am Samstag. Auch Samstag ist Therapiezeit, aber außer der Morgenrunde und eben der Freizeitaktivität passiert eigentlich nichts. Sinn und Zweck ist es, gemeinschaftlich draußen etwas zu organisieren und zu erleben, um seinen Ängsten zu begegnen, sich in der Gruppe zu behaupten und aktiv zu werden. Soweit zumindest die Theorie. In der Realität gehen einem ziemlich schnell die Ideen für Dinge aus, die alle mögen, nicht zu viel kosten, zum Wetter passen und so weiter. Wir müssen immer mindestens zu sechst sein, da ist es nicht einfach, einen Konsens zu finden. Und gezwungenermaßen Freizeit miteinander zu verbringen fühlt sich einfach nicht besonders gut an. Ich fahre da bisher zwei Strategien: Entweder melde ich mich für eine Sache, an der ich Spaß habe und ziehe die durch, egal wer dabei ist. Oder ich spreche mich mit den Leuten ab, mit denen ich mich gut verstehe, und wir entscheiden uns gemeinsam für das kleinste Übel.

 

Einzeltherapie

Das Beste und Wichtigste an meinem Aufenthalt in der Klinik ist natürlich die Einzeltherapie. Jeder Patient hat einen Bezugstherapeuten, mit dem man sich einmal pro Woche für knapp eine Stunde Gespräch trifft. Der Therapeut ist außerdem Ansprechpartner für alles, was einen sonst so beschäftigt, wenn es einem schlecht geht oder man etwas an seinem Programm ändern möchte. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Bezugstherapeuten. Unsere Gespräche sind analytisch, manchmal philosophisch. Sie gehen in die Tiefe und sind dabei aber immer konkret. Er hakt genau da nach, wo ich selbst bewusst oder unbewusst versuche, mich durch ein bisschen herumschwurbeln herauszuwinden, trifft genau die Dinge, die ich selbst nicht benennen kann oder will. Diese Gespräche zu führen macht mindestens genauso viel Spaß, wie sie anstrengend sind. Eine gute Mischung, wie ich finde.

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