Es hat einen Namen und er lautet Borderline

Feels like I was born with a black hole as a soul
Devouting all the light
Chaos engine inside
Feels like I wasn’t meant to be nothing more than a stranger to all
Every loved one now and before
I will miss you all
I am waiting in silence the darkness to come on my way
Before The Dawn – …

Manchmal treffen einen die bahnbrechenden Veränderungen mit der Wucht einer Wand, die aus dem Nichts vor einem auftaucht und sich einem in den Weg stellt.

Manchmal schleichen sich die bahnbrechenden Veränderungen ein und es ist ein langsamer, vorsichtiger Prozess, der sich nach und nach in seiner Bedeutung aufbaut. Am Ende sind die Auswirkungen oft die gleichen, nur taumelt man mehr, wenn man es nicht hat kommen sehen.

Die Diagnose Borderline hat sich leise angeschlichen, aber zumindest hat sie vorab immer mal wieder durchblicken lassen, dass da etwas ist, etwas wartet, etwas sein könnte. Und jedes Mal, wenn sie aufgeblitzt ist, hat sie etwas von ihrem Schrecken verloren.

Der Angst vor dem Stigma. Davor, ganz offiziell noch kaputter zu sein als ohnehin schon.

 

In meiner Therapie in der psychosomatischen Klinik formuliere ich das Ziel, mich selbst besser zu verstehen. Denn ich habe keine Ahnung mehr, wer ich bin und wo ich eigentlich hinwill. Wie die Angst mein Leben bestimmt, wie die Anspannung mich steuert – alles Dinge, die mir bis vor kurzem gar nicht bewusst waren. Der Weg dorthin führt über meine Gefühle, behauptet mein Therapeut. Also spreche ich mit ihm über meine Gefühle. Die für mich, wenn überhaupt, nur rational greifbar sind. Die ich entweder gar nicht spüre oder mich so überfluten, dass ich ihnen vollkommen hilflos ausgeliefert bin. Was unfassbare Anspannung erzeugt, die bei mir fast immer über dem Normallevel liegt und die ich dringend regulieren lernen muss. So weit, so klar.

Das Thema Borderline steht bei allem, was wir tun, lange wie ein unsichtbarer Elefant im Raum, ohne dass wir konkret darüber sprechen. Bis ich irgendwann einfach direkt nachfrage. Im PC-Test, den ich alle zwei Wochen ausfülle, hätte ich nicht außergewöhnlich bei Borderline gescored, meint mein Therapeut. Zwar passen einige Dinge – die Anspannung natürlich, mein Persönlichkeitstyp, aber nicht alles, selbstschädigendes Verhalten hätte ich etwa nicht beschrieben.

Für einen Moment sehe ich das Gespräch von oben.

Alkohol, wenn, dann zu viel davon.
Random Sex.
Beides in den schlimmen Phasen auf eine Art, die wenig mit Selbstbestimmung oder Genuss zu tun hat, das war mir immer klar.
Die ruhelosen Phasen, der Zustand, den ich immer als „das Chaos“ bezeichnet habe.
Definitiv selbstschädigend, impulsiv, kaum steuerbar.

Ich spreche das aus. Wir wiederholen den Test, mündlich. Kann die Fragen so in Kontext setzen lassen. Muss mich bei fast jedem Punkt selbst hinterfragen. Was ich sofort antworten will, ist nicht immer unbedingt das, was auch stimmt, was tief genug geht. Was ist Maske? Was wirklich ich? Was ist situativ? Was rede ich mir ein? Kann das alles fast nicht entwirren. Viel ist ein ja aber. Ein sowohl als auch. Ein früher, heute. Selten war ich mir so unsicher wie in dieser halben Stunde.

Ich komme ins Grübeln. War das, was ich heute fühle, wirklich schon immer so? Oder habe ich mich in den letzten Jahren so verändert? Stimmt meine Erinnerung, oder ist sie eingefärbt von dem, was ich glauben will? Ist sie entfärbt von dem, was ich vergessen habe?

 

Nach dem Einzel beschließe ich, auf Spurensuche zu gehen. Denn meine größte und beste Ressource begleitet mich schließlich schon mein ganzes Leben lang: wenn ich nicht greifen kann, was mit mir los ist, wenn das Chaos in mir zu groß wird, dann schreibe ich auf. Ungeordnet und unregelmäßig, aber eben auch ungefiltert und anschaulich. Die letzten 13 Jahre davon in digitaler Form auf meinem Laptop.

Ich fange also an, in meiner Vergangenheit zu graben. Und kann kaum glauben, was ich da entdecke.

 

————————-

10.2.2014

Nacht der nachträglichen Erkenntnisse – Zusammenhänge, Erklärungen

Stöbere durch all die alten Texte, die auf meinem Laptop versteckt liegen. Zuerst nur die fiktionalen, frühen Werke. Besonders ein Satz passt wie die Faust aufs Auge, auf mich, mein Leben, auf alles: Emotionen erreichen mich meist über Umwege.

Dann die anderen, nicht fiktionalen Texte. Ein paar alte Gedichte und ein Text über den Herbst berühren mich. Einerseits, weil das Geschriebene wirklich gut ist, andererseits, weil sie mir verraten, dass ich mich wirklich schon sehr lange so fühle, wie ich mich auch heute noch fühle. So anders, so verwirrt in dieser komplizierten Welt.

Und dann öffne ich das erste Dokument aus dem Ordner, in dem all die alten Texte gespeichert sind, die ich damals, in meinen schwierigsten Zeiten, nicht in mein Tagebuch geschrieben habe. Ich habe sie mir seit Jahren nicht angesehen, weil ich nicht wieder in diese Löcher stürzen will.

In diesem Text spreche ich eine Person an, die mir offenbar sehr am Herzen liegt, für die ich alles tun würde – und die sehr viel für mich zu tun scheint. Mir ist eine Weile nicht klar, wer gemeint ist, ich denke an meine langjährige beste Freundin X., will schon lachen angesichts der Ironie – da fällt mir das Datum ein. Es ist nach dem Abitur, es kann nicht X. sein. Mit wem war ich danach so gut befreundet, so eng, so vertraut, dass es auf sie zutreffen könnte? Dann fällt es mir ein: Es geht um meine erste richtige Beziehung.

Ich bin schockiert.

Ich bin wirklich und wahrhaftig schockiert von dieser heftigen und wunderschönen Liebeserklärung, die nichts Kitschiges hat, sondern aus der im Gegenteil in jeder einzelnen Zeile meine Persönlichkeit heraus spricht.

Ich bin sprachlos, und dieses Mal kommen meine Emotionen nicht auf Umwegen. Ich bin fassungslos darüber, dass ich tatsächlich einmal so viel für einen Menschen empfunden habe. Auch, dass es ihm wohl so schlecht gegangen sein muss, dass ich so drastisch meine Gefühle ausgedrückt habe. Und, vor allem: dass ich mich daran nicht mehr erinnern kann. Ich weiß es zwar noch, aber ich fühle es nicht. Es ist aus meinem Bewusstsein gerückt, als hätte all das nie existiert: Weder meine Liebe noch seine Verzweiflung. Das entsetzt mich für eine Weile. Ich bin verunsichert: Habe ich also doch tatsächlich geliebt? Obwohl ich mich nicht mehr direkt daran erinnern kann? Die Worte sprechen dafür.

Jetzt verstehe ich endlich, fühle ich endlich, wie er sich gefühlt haben muss, als ich Schluss gemacht habe. Als würde es einem den Boden unter den Füßen wegziehen, vermute ich – wenn man solche Texte geschrieben bekommt und dann praktisch aus heiterem Himmel ohne direkt logische Begründung verlassen wird. Auch wenn dazwischen Monate lagen. Wie kann ich nur einem Menschen so viel Hoffnung auf Liebe machen – ihm so viel Liebe versprechen und sie ihm dann komplett entziehen? Ich wusste ja schon seit einer Weile, dass mein Verhalten den Menschen gegenüber, mit denen ich eine Beziehung eingehe, nicht immer in Ordnung ist, hatte deshalb ja auch immer extreme Hemmungen, letztendlich Schluss zu machen. Aber so direkt gefühlt, so verstanden habe ich es bis jetzt nicht.

Ich bin tatsächlich schockiert, wie es sein kann, dass so etwas aus meinem Bewusstsein verschwindet.
Und dass ich dieses Verständnis erst mit einer Zeitverzögerung von sechs Jahren erreicht habe.

Es geht weiter, das Soap-Party-Dokument. Genial, genial, und gleichzeitig meine eigene Dummheit, dass eigentlich alle Antworten klar vor mir lagen und ich trotzdem noch eineinhalb Jahre an dieser Situation verzweifelt bin.

Ich finde es so dermaßen schade, dass ich diese Momente nur sporadisch aufgeschrieben habe, denn ich will wissen, wie es weitergeht – wie meine eigene Geschichte weitergeht. In meinem Kopf ist längst nicht mehr alles da, leider. Doch ich kann sofort einen Bezug herstellen zu meinem Leben heute, und alles, was nach dieser Party kam.

Mit wird bewusst: Mein Leben besteht aus sich ständig wiederholenden Sequenzen immer derselben Geschichte, nur mit anderen Protagonisten und Umständen. Werde ich dem jemals entfliehen können?
Wird es irgendetwas besser machen, nur weil ich eine Diagnose habe?
Und schließlich: Will ich das überhaupt? Denn was wäre ich ohne all diese Geschichten? Sie sind die Quintessenz meiner Person, der Grund für meine Verzweiflung, Illustrationen meines Scheiterns, ja, aber sie sind eben auch ICH!

Im Nachhinein betrachtet, mit dem Blick von außen wird mir einiges klar:

Warum diese tragische, unendliche Geschichte mit Y. nicht funktioniert hat. So viele Verwicklungen, Ängste und Unfähigkeiten, die aus einer einfachen Sache eine komplizierte gemacht hab. Meine Unsicherheit, mein paradoxes Verhalten, das Rummachen mit anderen – für mich klare Verzweiflungstaten, aber woher hätte er das wissen sollen?
X. und meine Clique, das ewige hin- und herpendeln zwischen Distanz und Nähe. Meine Sauferei, mein ganzes Chaosleben, die Verzweiflung in mir, die ich nicht kommunizieren konnte – ich habe ihnen viel abverlangt.

————————-

18.8.2015

Everything you need to know

Ich bin in Teilen ein sehr kaputter Mensch, der es immer wieder, all die Jahre lang, geschafft hat, sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf zu ziehen, egal wie tief der war. Darauf bin ich stolz. Ich habe in meinem Leben einige meiner Probleme gelöst oder erfolgreich bekämpft, aber das Chaos an sich bekommt man nie vollständig wieder los, wenn es einen einmal in den Fängen hatte. Aber ich habe einiges an Erfahrung, was den Kampf damit angeht. Und als kaputter Mensch erkenne ich andere Menschen, die mit ihren eigenen Dämonen kämpfen, den großen wie den kleinen. Ich finde sie, und ich bin verdammt gut darin, dass sie sich besser fühlen, wenn sie mit mir zusammen sind. Bis ich sie fallen lasse. Nicht mit Absicht – niemals. Ich will das Beste für meine Partner, noch mehr als für mich selbst, ich gehe bis zum letzten, damit es anderen gut geht. So lange, bis ich selbst nur noch von Dunkelheit umgeben bin, nicht mehr atmen kann und keine Wahl habe, als alle Brücken abzubrechen und einfach davon zu laufen, alleine, einfach nur weg. Es ist ein Selbstschutzmechanismus, aber er verletzt andere. Dann sinken sie nur noch tiefer.

Ich hinterlasse verbrannte Erde und kann nichts dagegen tun. Das ist mir schon so oft passiert, ich will das nicht mehr. Ich kann niemanden retten, ich kann nur mich selbst retten. Das ist ein 24-Stunden-Job. Ich kann mich nur auf mich selbst konzentrieren. Anders geht es nicht, das zeigt meine Erfahrung. Allerdings habe ich keinerlei Erfahrung darin, ob es so funktionieren kann. Wird mich das Chaos trotzdem finden? Kann ich wirklich vollständig ohne es leben? Genieße ich es nicht jedes Mal ein kleines bisschen, wenn ich in den Mahlstrom eintauche? Ich weiß es nicht, es ist ein Experiment.

(leicht gekürzt und redigiert, Personen unkenntlich gemacht)
————————-

Ich finde unzählige solcher Texte auf meinem Rechner.
Ich habe heute offensichtlich nicht zum ersten Mal versucht, mein Leben zu begreifen. Warum sich alles wiederholt. Wieso ich wieder und wieder in dieselben Schleifen gerate.
Ich habe mir all diese Fragen schon einmal gestellt.
Ich habe die Antwort darauf eigentlich schon gefunden.
Und wieder vergessen, weggeschoben, verdrängt.

Meine Tagebucheinträge beschreiben Borderline-Verhalten, Denken und Fühlen wie aus dem Lehrbuch.

Das alles ist mir nicht bewusst, als ich im Einzel sitze und verzweifelt versuche, mich „richtig“ zu erinnern. Aber das Wissen ist schon da, irgendwo in mir, und wartet darauf, an die Oberfläche steigen zu dürfen. Wer weiß wie lange schon.

Am Ende der Stunde halten wir fest: Als Teenager hätte ich die Diagnosekriterien auf jeden Fall erfüllt. Heute erfülle ich sie in signifikanten Teilen. Denn einiges habe ich über die Jahre geschafft, unter Kontrolle zu bringen. Durch meine stärkste Ressource: meinen Verstand. Den Automatismus, alles zu rationalisieren. Gleichzeitig meine größte Schwäche. Anspannung, Gefühle, all das ist nur bedingt rationalisierbar. Aber anders kann ich damit nicht umgehen.

Als ich nach dem Einzel den Raum verlasse, kann sich mein Therapeut das Grinsen nicht verkneifen. Ein Durchbruch, sagt er, und das freut ihn sichtlich.
Und tatsächlich muss ich auch grinsen.
Weil es stimmt. Es ist ein Durchbruch. Ich weiß das schon, als ich die Station verlasse, Kopfhörer aufsetze, Musik anmache um gleich meine Runden um die Klinik zu drehen, zum Verarbeiten, zum Begreifen. Ich zweifle keine Sekunde daran, dass diese Diagnose passt.
Und das ist ok. Es tut nicht weh. Ich fühle mich auch nicht kaputter als vorher.
Vielleicht sogar ein bisschen weniger kaputt. Immerhin habe ich einen neuen, riesigen Teil meiner inneren Landkarte freigespielt, den ich jetzt entdecken kann. Der mir Antworten geben wird auf die Fragen, die ich mir schon mein ganzes Leben lang stelle, immer und immer wieder.

Passend dazu gibt es seit heute eine neue Kategorie auf dieser Webseite, auf diesem Blog. Eine, mit der ich nicht gerechnet hätte, als Vince und ich das alles hier geplant haben. Aber jetzt ist sie nun einmal da. So ist das Leben. Voller Überraschungen. Voll unerwarteter Erkenntnis.

Du magst vielleicht auch

2 Kommentare

  1. Wow. Sehr persönlich und sehr spannend. Krass wie sowas komplett aus dem Bewusstsein raus sein kann. Bin gespannt wie und ob sich das jetzt verändert wo ein Bewusstsein da ist.

    1. Glaube auch da führt der Weg über meine Gefühle. Denn die Erinnerung an sich ist ja nicht weg. Sie ist nur nicht mehr mit den ursprünglichen Gefühlen verknüpft, und das verändert natürlich die Wahrnehmung. Wie bei einer Filmszene, bei der die Musik fehlt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.