Es ist nicht automatisch alles gut

The thoughts of yesterday forgotten
I like the way this new skin feels
Bring me splinters of tomorrow
Collect the parts where I win
Against the grain
Against the odds
I’ll rise and I won’t trip again
The dawn of a new day never looked
As good as this
In Flames – Dawn of a New Day

Meine Zeit in der psychosomatischen Klinik ist vorbei. Ich sitze zuhause, aber dieses Zuhause ist eines, das erst noch werden muss. Ich bin einmal quer durchs Land gezogen und hier im Norden in eine neue Wohnung, einen Tag, bevor ich in die Klinik gegangen bin, mit ein paar Taschen und sonst nichts. Alles andere lagert in einem Keller weit weg. Und dann kam Corona und mein Umzug ist in weite Ferne gerückt. Jetzt sitze ich hier mit einer Matratze, Campingtisch und Campingstuhl. Völlige Freiheit, aber eben auch – völlige Leere. Der Kontrast zum Klinikleben könnte nicht größer sein.

In der ersten Zeit bin ich voller Energie und Tatendrang. Das Wetter ist großartig, meine Laune ist es auch. Ich plane, schreibe, bewege mich, meine Tage sind voll, es gibt so viel zu tun, so viel nachzuholen.

Aber es dauert nicht lange, bis sich die ersten Dissonanzen einschleichen. Abends, wenn ich langsam herunterfahre, nichts mehr zu tun habe, überfällt mich ein heftiges Gefühl von Einsamkeit. Wie aus dem Nichts. Selbst dann, wenn ich den ganzen Tag mit Freunden und schönen Dingen gefüllt habe. Ich bin nicht einsam. War schon so oft in meinem Leben viel mehr allein als jetzt. Und trotzdem kommt es immer wieder. Aber ich kann es abwehren und am nächsten Tag folgt ein neuer guter Tag.

 

Zwei Wochen nach meiner Entlassung gerate ich das erste Mal wieder in Hochanspannung. Ich kann keinen konkreten Anlass ausmachen. Es ist eine Rastlosigkeit und Unruhe, die mir nicht fremd ist, die ich schon mein ganzes Leben lang kenne. Ich setze Skills ein, wie ich es gelernt habe. Aber es hält nicht lange und am nächsten Tag wird es nur noch schlimmer. Meine Pläne und Aufgaben erdrücken mich, mein Leben, der neue Weg machen mir so massiv Angst und ich stürze in einen Strudel aus Selbstzweifel und Panik. Ich versuche den ganzen Tag, dagegen anzukämpfen, aber nichts scheint zu funktionieren, jede noch so kleine Erschütterung katapultiert mich sofort wieder in die Hochanspannung.

Bis ich nicht mehr kann. Oder vielleicht – bis ich mich entscheide, wirklich etwas zu tun?

Nach einer halben Stunde heulen und dunkler Gedanken, nach dem dritten Chilli-Lutscher an diesem Tag, bitte ich um Hilfe. Vielleicht ist es das, was den Unterschied macht, ich weiß es nicht. Denn eigentlich tue ich danach gar nicht so viel Neues. Eigentlich befolge ich eins zu eins meine Skillkette aus der Klinik:

Starker sensorischer Reiz (Chili)
Anstrengende Bewegung (Liegestützen)
Mit Menschen reden
Spazierengehen
Musik
Mir klar machen, warum ich das hier eigentlich alles mache.

Und das funktioniert. Endlich.

 

Es wundert mich nicht, dass so viele Menschen nach einem Klinikaufenthalt erst einmal wieder in ein Loch fallen. Die Umstellung ist hart und der Clash mit dem Alltag enorm.

Die Klinik fühlt sich in den ersten Tagen zuhause so an, als wäre sie einer anderen Person passiert, irgendwo in einem Paralleluniversum. Es fällt mir schwer, diese unterschiedlichen Versionen meiner selbst – Klinik-Kris und Alltags-Kris – zu dem einen Menschen zu vereinen, der ich bin. Vielleicht habe ich auch deswegen so Angst vor Veränderungen, weil ich ganz genau weiß, dass ich selbst so vieles nicht von einem Zustand in den nächsten übertragen und mitnehmen kann.

Es fällt mir unheimlich schwer, an die Zeit in der Klinik zurückzudenken, weil das sofort ein Verlustgefühl in mir wachruft. Als ob ich etwas unwiederbringlich verloren hätte. Umbruch, Veränderungen, das sind die Momente im Leben, mit denen ich am schlechtesten umgehen kann. Weil es immer einen Verlust beinhaltet, mit dem Verlust kommt Trauer und mit der Trauer die Lizenz zur absoluten Gefühlsüberflutung.

Ich kann nicht loslassen, wenn ich mich einmal in etwas zurechtgefunden habe, meine Rolle gefunden habe. Zu wissen, dass etwas unwiederbringlich vorbei ist, nie wieder in genau dieser Konstellation sein wird, das kann ich nicht verarbeiten. Obwohl ich im Leben schon so oft gemerkt habe, dass es immer weiter geht. Dass tatsächlich immer irgendwo Neues, Spannendes, Witziges wartet und sich Veränderung ganz oft lohnt. Ich kann trotzdem nicht damit umgehen. Der Schmerz ist so stark, er paralysiert mich komplett.

Ich schalte dann, unbewusst, in etwas, das ich den Gleichgültigkeitsmodus nenne. Irgendwo in mir legt sich ein Schalter um und ich fühle nichts mehr. Das macht den Umbruch zwar leichter, aber besonders hilfreich ist dieser Modus langfristig auch nicht. Denn Gleichgültigkeit ist nicht gleich Gelassenheit. Gleichgültigkeit frisst jedes Gefühl und macht mir den Zugang zu meinen Emotionen noch kaputter, als er ohnehin schon ist. Also habe ich dieses Mal ganz bewusst versucht, die Gleichgültigkeit nicht gewinnen zu lassen. Über die Veränderung nachzudenken und zu reflektieren, was das mit mir macht. Meine Gefühle unter der Gleichgültigkeit zu suchen, denn ich bin mir sicher, dass sie nicht weg sind, nur verschüttet. Und vielleicht klappt das auch besser als früher, ich weiß es nicht, merke nur, dass es alles in allem nicht besonders gut klappt.

Die Gleichgültigkeit wird irgendwann von Anspannungszuständen abgelöst, aber das macht es nicht leichter, im Gegenteil. Dann überflutet mich jede Erinnerung, je positiver desto schlimmer.

 

Ich vermisse den Alltag, die Struktur, die Sicherheit, die Mitpatienten und das absurde Gefühl, auf einer Klassenfahrt mit sehr seltsamen Regeln zu sein.
Ich vermisse meinen Therapeuten und unsere Gespräche, vermisse es, etwas auf der Spur zu sein, mir Dinge zu erarbeiten, auch wenn das oft unglaublich anstrengend war.
Ich vermisse die Aufmerksamkeit. Das Gefühl, aufgehoben zu sein. Und die Auszeit von der realen Welt, die mir der Klinikaufenthalt gegeben hat. Vermisse mein Klinikzimmer, dass so eindeutig Krankenhaus sagt und in seiner Trostlosigkeit doch irgendwie Sicherheit bietet.

Die große, unendliche Freiheit, die vor mir liegt, verwandelt sich zu zäher, schwarzer Leere, wenn ich nicht aufpasse.

 

Meine seltsame Situation ist ein großer Nachteil, wenn der ganze Körper, die ganze Existenz nach Sicherheit und Beständigkeit schreit. Aber natürlich spricht da die Angst, und das, was sie fordert ist am Ende nur eine vermeintliche Sicherheit. Und meine Situation ist, nüchtern und unangespannt betrachtet, ein großer Vorteil. Denn ich muss mein Leben nicht mehr umwälzen, das habe ich schon erledigt. Ich habe die Chance, mir alles neu aufzubauen: alle Routinen, Abläufe und Verhaltensweisen, Ziele und Wege. Ich kann nicht nur meine Wohnung neu einrichten, sondern auch gleich mein Innenleben. Also versuche ich, die Strukturen, Ressourcen und Erkenntnisse aus der Klinik so gut es geht in meinen Alltag einzubauen.

Ich schreibe immer noch wie besessen Tagebuch. Das neueste, das ich in der Klinik erst angefangen habe, ist schon halb voll. Manchmal sind es nur ein paar Sätze, aber meistens fällt mir mehr und mehr ein, je länger ich schreibe. Als ob meine Gefühle direkt Sätze aufs Papier formen, ohne den Umweg über das bewusste Denken zu nehmen. Ein Mechanismus, den ich schon seit Jahren kenne, den ich aber sehr lange nicht mehr genutzt habe. Weil mir die Energie gefehlt hat, die Zeit oder was ich mir sonst für Ausreden gesucht habe. Dabei hilft mir das ungefilterte Tagebuchschreiben wie nichts anderes, den Tag zu reflektieren und greifbar zu machen, was ich eigentlich fühle und warum.

Ich gehe fast jeden Tag spazieren. Die Bewegung hilft mir, die Anspannung ansatzweise zu regulieren, außerdem kann ich dabei extrem gut nachdenken. Entweder höre ich dabei Musik – oder ich treffe mich mit Vince und wir laufen und reden.

Ich arbeite an einem Skill-Notfallkoffer, um meine Anspannung regulieren zu lernen. Führe Anspannungs- und Stimmungstagebuch, längst nicht so regelmäßig wie in der Klinik, aber ich mache es noch. Versuche ab und zu Progressive Muskelentspannung zu machen oder Qui Gong mit einem Youtube-Video. Oder höre bewusst im Liegen eine halbe Stunde Musik und denke nach.

Ich suche den Kontakt zu meinen Freunden, so gut das mit Corona eben möglich ist, und versuche ganz bewusst, mich nicht wieder zurückzuziehen, obwohl das gerade so einfach wäre. Arbeite an Dingen, die mir Spaß machen – wann hat man schon mal so viel Zeit für Projekte, die einem wirklich am Herzen liegen? Und muss dabei gleichzeitig aufpassen, dass die Arbeit nicht zu einer Vermeidungsstrategie wird, um meine Gefühle nicht spüren zu müssen.

Ich höre so viel Musik wie nur irgendwie möglich. Weil es mich entspannt, motiviert, meine Stimmungen und Gefühle greifbar macht. Meine Gedanken ordnet und mich im Hier und Jetzt verortet. Musik ist meine Form der Achtsamkeit.

Und, natürlich, das wichtigste: Versuche meinem Alltag Struktur zu geben. Ich funktioniere über Routinen und klare Abläufe. Wenn ich nicht weiß, was als nächstes kommt, oder wenn da zu viele mögliche Optionen sind, blockiere ich und gerate in Gedankenspiralen, Unruhe oder Anspannung. In der Klinik wird empfohlen, einen Strukturplan für die Woche anzulegen, um genau das zu vermeiden. Das habe ich versucht, aber die klassische Stundenplannummer hat für mich gar nicht funktioniert. Es schränkt mich mehr ein, als dass es mir hilft, wenn ich den einzelnen Punkten einen festen Zeitpunkt gebe, oder sie in einen bestimmten Ablauf setze. Weil es ja doch oft nicht so klappt wie auf dem Plan.

Stattdessen habe ich einen Modulplan entwickelt, der alle festen, regelmäßigen Punkte meiner Woche auflistet, sie aber nicht in Wochentage einordnet. Stattdessen kann ich im entsprechenden Wochentag abhaken, wenn ich einen Punkt erledigt habe. Das ist flexibler und gibt mir trotzdem die nötige Übersicht, Kontrolle und Struktur.

Und es funktioniert, die meiste Zeit. Aber die Rastlosigkeit, die innere Unruhe lauern nach wie vor nicht allzu weit unter der Oberfläche. Sie kommt dann durch, wenn ich Leerlauf habe: vor dem Schlafengehen oder wenn ich blockiere und nicht weiß, was ich als nächstes mache und dann einfach gar nichts tue. Sie erinnert mich in schöner Regelmäßigkeit daran, dass eben noch lange nicht alles gut ist. Dass ich auf meinem Weg erst ein paar Schritte gemacht habe, aber noch lange nicht am Ziel bin.

Das alles ist für mich irgendwie machbar, schaffbar, aber alles andere als einfach. Es kostet immer noch unheimlich viel Kraft. Die ich nur habe, weil ich noch nicht wieder arbeite. Weil mir all das Neue hier im Norden unheimlich viel gibt. Weil dieser Blog und alles, was ich schreibe, mich daran erinnern, warum ich das mache und was ich schon geschafft habe. Und weil der Sommer kommt.

 

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1 Kommentar

  1. Ich habe bisher jeden Artikel von euch gelesen und möchte mich an dieser Stelle für eure Offenheit und Ehrlichkeit bedanken. Ihr schreibt sehr authentisch, was es so fassbar für mich macht. Manches ist für mich neu und spannend, in einigen Punkten aber erkenne ich auch mich in Variation wieder. Vielen Dank dafür. (Und bitte weiter machen.) 🙂

    Das mit dem Plan finde ich eine gute Idee, allerdings scheitere ich bisher an der Menge der Punkte, die ich unterbringen möchte/ muss. Wo setzt du da Priorität? Oder nutzt du mehrere Blätter für eine Woche?

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