Jede Entscheidung ist besser als keine Entscheidung

As the clouds began to gather
Oh I wailed like a newborn babe
And opened the book of bad decisions I have made
Clutch – Book of Bad Decisions

Krank zu sein und etwas daran ändern zu wollen ist ein Vollzeit-Job.
Für jede erledigte Aufgabe, jeden Posten auf der to do-Liste erscheinen umgehend zwei neue. Jeder davon unangenehmer als der vorige. Jeder mit immer schwierigeren Entscheidungen verbunden. Und wenn ich eines nicht kann, dann genau das: Entscheidungen treffen. Ganz egal, ob es um die großen oder die kleinen Dinge geht. Darum, welchen Weg man im Leben gehen will. Oder darum, welches T-Shirt man heute anzieht.

Leider sind die meisten der Entscheidungen, die momentan getroffen werden müssen, deutlich komplexer. Und ich scheitere daran.
Ich drücke mich so lange vor Entscheidungen, bis sie mir aus der Hand genommen werden.
Ich habe Angst, das Falsche zu tun.
Ich habe Angst, überhaupt etwas zu tun.

Aber weil ich meiner Maske nach ein Mensch bin, der weiß, was er will, verkaufe ich mir dieses Verhalten als rational. Als Vorsicht. Als Bedenken, die man ja wohl mal äußern darf. Ich erfinde tausend gute Gründe, warum es nicht so einfach ist, und glaube sie selbst alle mit heiligem Ernst. Es ist ein Film, der in meinem Kopf abläuft. Ein Film, der mich in endlose Schleifen schickt und aus dem ich nicht ausbrechen kann. Selbst dann nicht, wenn man mich darauf hinweist. Manchmal erst recht nicht, wenn man mich darauf hinweist. Die Mauern sind einfach zu hoch und zu stabil, als dass ich herauskomme. Stattdessen laufe ich immer nur dagegen. Und jeder Hinweis, egal wie berechtigt, lässt mich schneller dagegen laufen, macht aber die Mauern nicht kaputt.

Der Druck wird dann so stark, dass es in einem Meltdown endet – ein Ausbruch, ein Zuviel an allem, das ich nicht mehr steuern kann. Und dann bricht ALLES über mich herein. Alle Gefühle, alle Bilder, alle Erinnerungen, alles alles. Und dann geht nichts mehr. Der Körper rebelliert und ich kann nur noch weinen, will schreien und die Welt verfluchen. Es gibt nichts, was ich mehr hasse. Denn mein ganzes Selbst (und auch meine ganze Selbstlüge) baut darauf auf, dass mein Wille stärker ist als alles andere.

Mind over matter.

Aber das ist nur eine der vielen Bewältigungsstrategien, eine der vielen Lügen, die ich mir selbst erzähle.

Es ist immer ein erhellender Moment, wenn man den eigenen Gedanken beim Entstehen, den Problemen beim Wirken zusehen kann. Wenn man im Kopf einen Schritt zurück macht und sich selbst betrachtet. Und trotz aller Entschlossenheit nicht in der Lage ist, das zu tun, was einem aus der Situation helfen würde: nämlich eine Entscheidung zu treffen. Ich kann die Mauer regelrecht sehen und spüre, wie ich mit voller Wucht dagegen laufe, immer und immer wieder. Und am Ende ist es nicht mein Wille, der die Entscheidung trifft, sondern mein Körper. Der sich entscheidet, aufzustehen und mitzugehen. Der mich erneut in die psychiatrische Notfallsprechstunde trägt.
Es ist mein Körper, der weitermacht und durchalten will und einen Weg nach draußen sucht.
Mein Geist ist immer noch paralysiert, will nur weiter den Kopf in den Sand stecken.

Der Arzt in der Notaufnahme nimmt sich Zeit. Extrem viel Zeit sogar.
Schwere Depression, sagt er.
Komplexe posttraumatische Belastungsstörung.
Dass Sie so lange durchgehalten haben.
Am Ende muss ich wieder eine Entscheidung treffen – gehen oder bleiben – und ich treffe sie mit Option auf Meinungsänderung, bin zu nichts Endgültigem in der Lage.
Typisch für Traumafolgestörungen, sagt er.
Vermeidungsstrategien, Menschen wegschubsen, klassisch.
Mutig, dass Sie hier sind, dass Sie mir das erzählen.

Nach einer ganzen Stunde Gespräch gibt er mir Tabletten gegen die akute Angst und ich gehe. Fühle mich leichter. Etwas weniger kaputt, vielleicht nicht vollständig broken.
Sie müssen etwas richtig gemacht haben, hat er gesagt, denn sonst hätten Sie nicht so langen durchgehalten.
Und das gibt mir tatsächlich Kraft. Vielleicht war ich zu hart zu mir. Im Licht meines aktuellen Zustands, meiner neuen Erkenntnisse, habe ich die letzten 30 Jahre verteufelt und als große Sackgasse abgehakt. Als ein stetiges Weglaufen und Maskieren der eigentlichen Probleme. Als eine Folge von jeder Menge schlechter Entscheidungen, die ich getroffen habe.

Und viele meiner Entscheidungen waren im Rückblick sicher nicht die besten. Viele Entscheidungen habe ich gar nicht getroffen und mich stattdessen arrangiert mit dem, was dann kam. Habe mir unzählige Entscheidungen von anderen oder den Umständen abnehmen lassen.

Aber einige meiner Entscheidungen waren gut. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass selbst die schlechten ihren Sinn hatten. Sie haben immerhin dafür gesorgt, dass ich es so weit geschafft habe. Ich bin noch hier, und auch das ist eine Entscheidung. Vielleicht die wichtigste, die man treffen kann. Und die ich jeden Tag aufs Neue treffe, ohne zu zögern.

Ich kann es also.

Muss vielleicht nur mehr üben.

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