Ein Leben im Zeitraffer

My dear, the concept of „home“ is such a vague notion
As I can’t stay in the same place for more than three days
Once you told me that I’ll never find home without leaving
But now I saw so many places, I at least forgot them all
So I’m lying in my bed, in my house
And all I want to do is to go home
Harakiri for the Sky – Heroin Waltz

Zum letzten Mal bin ich als Einwohner in meiner alten Stadt. Ich war kaum hier in den letzten Monaten. Dennoch fühlt es sich ganz anders an, zu wissen, dass ich theoretisch hätte hier sein können. Dass ich offiziell hier lebe, vom Einwohnermeldeamt bestätigt. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, das zu ändern, und ich glaube, dass diese Entscheidung richtig ist.
Und trotzdem kostet sie mich Kraft, macht mich unendlich traurig.

Ich löse mein WG-Zimmer auf, in dem ich in den letzten Monaten kaum Zeit verbracht habe. Bringe die letzten Kisten zu meinen Eltern aufs Dorf, bevor ich mich davon mache. Fahre durch das Dorf, in dem ich jedes Haus, jede Straße auswendig kenne. Während andere das als vertraut empfinden, hat es sich für mich schon immer wie ein Gefängnis angefühlt. Es ist eine Hassliebe, die mich mit diesem Dorf verbindet. Ich kann es nicht loslassen, aber bleiben kann ich auch nie lange. Es empfängt mich mit Vertrautheit, dem Geruch nach Kindheit und Kuhstall, und es erstickt mich.

Das Dorf habe ich schon lange verlassen, aber weit gekommen bin ich nicht. Auch heute fahre ich nicht weit, es ist ein Abschied in Etappen.

Und dennoch ist diese Autofahrt eine Reise durch mein Leben im Zeitraffer. Ich verlasse das Dorf und fahre die Strecke in die Stadt, die ich so gut kenne, dass ich sie im Schlaf fahren könnte. Links und rechts zweigen die Wege ab, die früher meine Welt waren, zu den alten Wohnorten meiner Freundinnen, aber ich fahre geradeaus.

Ich fahre an meiner alten Schule vorbei, biege nicht wie neun Jahre lang an der Ampel rechts ab, fahre nicht den Berg hinauf. Die Playlist war früher genau auf die Fahrt zur Schule abgestimmt, erst im Bus, später im Auto. Zuletzt immer das aktuellste, wichtigste Lied. Der Song, der am meisten über mich erzählt. Der Song, der laufen musste, wenn ich auf den Parkplatz einbog. Falls ihn jemand hört. Falls ihn eine ganz bestimmte Person hört. Und diese Person hat ihn gehört, unzählige Male, aber verstanden hat sie ihn nie.

Ich fahre geradeaus weiter, vorbei an der Tankstelle, an der wir uns früher Faxe gekauft haben. Wo ich meine letzte Chance ergriffen habe, damals, nach der Facharbeits-Abgabe-Party, um diese endlose nicht erwiderte Liebe doch noch funktionieren zu lassen. Und es hat funktioniert, nur nicht so, wie ich wollte, wie so oft.

Ich habe hier gelebt, und ich habe hier gelitten. Habe das Schweigen gelernt und das Aushalten. Aber auch das so lange lachen, bis einem schwindlig wird, das Tanzen, das Singen, das Nicht-Aufgeben. Bin ausgegrenzt worden, verletzt, aber auch geliebt und gebraucht.

Der Ort hat sich so verändert in den letzten zwölf Jahren, nur die Tankstelle, die ist geblieben. Die Schule ist umgebaut, innen wie außen. Sieht ganz anders aus heute. Im Comet, in dem wir in jeder Pause einkaufen waren, ist jetzt ein Getränkemarkt. Alles ist anders, und ich hasse es. Ich hasse es, wenn sich Dinge verändern. Will immer an allem festhalten, egal wie sinnlos, nur ich selbst, ich gehe weiter, aber nicht, weil ich bereit bin, mich zu verändern, ich kann mich nur noch weniger an irgendetwas festhalten. Zeit, Menschen, das Leben gleitet mir durch die Finger und ich renne hinterher. Laufe weg. Lasse los, weil festhalten zu sehr weh tut. Und gehe doch nie dahin, wo ich hin möchte.

Ich habe schon so oft versucht, das alles hinter mir zu lassen, und bin doch immer gescheitert. Habe immer wieder neue Gründe gefunden, warum es jetzt gerade nicht geht, warum ich jetzt nicht weg kann. Aber eigentlich war es nur die Angst, die mich gehalten hat. Ich habe das Dorf hinter mir gelassen und die Schule, aber weit bin ich nicht gekommen, zumindest räumlich. Habe die Stadt nebenan gefunden und gedacht, so schlecht ist es ja gar nicht. Und das war es auch nicht. Ich habe mir ein neues Zuhause aufgebaut in dieser Stadt, ein Leben. Und es war ein schönes Leben, trotz allem.

Meine Liebe zu dieser Stadt ist mehr als bloß das Stockholm-Syndrom.
Blaue Nacht, Burgblick, der Rucksack voller Wein. Morgens um vier nach Hause laufen, die Vögel zwitschern, wir singen schwedische Schnapslieder. Grillen im Wiesengrund, tropische Nächte, Rauchen am offenen Fenster und mit der WG die Nacht durchquatschen. Kiffen und immer dasselbe Helge Schneider-Video auswendig mitsprechen. Kickermatch vor der Lorenzkirche und in der U-Bahn. Den Umweg über den Kettensteg nehmen. Und immer Musik, Musik, Musik. Konzerte, Bierduschen, Radiosendungen bei Saunatemperaturen im Studio, die neue In Flames verreissen und die neue Clutch abfeiern.

Ich liebe diese Stadt, aber ich kann hier nicht bleiben.

Ich habe hier geliebt und ich habe hier gelitten. Und am Ende war das Leiden so groß, dass ich die Liebe nicht mehr spüren konnte. Nur noch die Angst. Und deswegen gehe ich diesen einen Schritt, den ich bisher nie gehen konnte: Ich verlasse diese Stadt, dieses Leben hier. Es ist ein Statement, eine Botschaft an die Angst. Wenn ich das kann, schaffe ich vielleicht auch alles andere.

Und ich fahre durch die Nacht, in mein leeres Zimmer, die letzte Station auf meinem Weg hinaus. Und morgen setze ich mich wieder ins Auto, schalte eine melancholische Playlist an, oder vielleicht auch eine mit Aufbruchsstimmung, fahre auf die Autobahn und verlasse die Stadt.

Auf in den Norden. Auf in eine neue Zeit.

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