Retten, das muss ich mich selbst

I have found you in the darkness
I have found you
And here you are
To set a brand new path
To show me all that love means
I was lost, lost at the edge of all reason
And I didn’t know my way,
I’d given up hope
But here you are to set a brand new path
To show me all that love means
When I hold you, I need you
I said forever, and I mean forever
Oceans of Slumber – The Banished Heart

Ich bin ungefähr fünf Jahre alt, es ist Vormittag und ich bin im Kindergarten. Ich bin in der Froschgruppe im Raum ganz am Ende des Flurs. Der Kindergarten ist in einem Bungalow untergebracht, auf der einen Seite verläuft eine große Fensterfront, es ist immer hell. Es muss eine Übergangsjahreszeit sein, denn Gabi trägt einen dunklen, gestrickten Pullover, aber keine Winterschuhe. Gabi ist die Erzieherin, oder Kindergärtnerin, wie wir damals sagen. Gabi hockt am Boden, vor ihr ein anderes Kind, ich weiß nicht mehr, wer. Das Kind weint, es ist hingefallen. Und Gabi tröstet es, umarmt es, hält es fest.

Und ich stehe da und wünsche mir nichts sehnlicher, als auch endlich mal wieder hinzufallen. Mir weh zu tun, ein Knie aufzuschlagen. Damit ich weinen kann. Damit Gabi mich auch umarmt.

Die Gefühle in diesem Moment sind heute noch für mich greifbar. Verlassenheit. Sehnsucht nach Nähe, Trost. Und dass ich keine Ahnung habe, wie ich all das anders bekommen soll.

 

Mein Therapeut und ich haben uns für diese Erinnerung entschieden, um eine Imaginationsübung aus der Schematherapie auszuprobieren. Der Schematherapie liegt die Idee zugrunde, dass unser Verhalten von Mustern aus Emotionen und Gedanken geleitet wird. Diese Muster stammen aus unserer Kindheit. Wenn damals die emotionalen Grundbedürfnisse nicht befriedigt worden sind, sind diese Schemata oft dysfunktional. Und dieses erlernte Verhalten reproduzieren wir unbewusst unser ganzes Leben lang weiter.

Weil wir nicht mehr genug Zeit für eine komplette Analyse meiner Verhaltensmuster und Erfahrungen haben, konzentrieren wir uns auf einen Aspekt: Das verlassene Kind in mir. Und die Erinnerung aus dem Kindergarten, in der ich dieses Gefühl ganz stark spüren kann. Mein erwachsenes Ich soll die Situation auflösen und meinem fünfjährigen Ich das geben, was es so dringend sucht in diesem Moment. Das soll das Gefühl langfristig weniger stark machen. Weniger belastend.

 

Mir die Szene vorzustellen, fällt mir nicht schwer. Ich sehe alles bildlich vor mir. Dann soll ich mir vorstellen, wie mein erwachsenes Ich die Szene betritt. Auch kein Problem.
Mich in meine beiden Ichs – mein Jetziges, mein Fünfjähriges – hineinzuversetzen ist da schon schwieriger. Was fühlen sie, was wollen sie? Was wünschen sie sich? Der Therapeut leitet mich mit Fragen immer tiefer hinein in die Szene und ich merke, wie ich immer angespannter werde.

Ich stocke ständig, es ist viel schwerer als ich jemals gedacht hätte. Immer wieder laufen mir Tränen über das Gesicht. Und dann soll ich meinem fünfjährigen Ich als mein erwachsenes Ich etwas sagen. Das, was die Kleine hören muss in diesem Moment. Und das überfordert mich maßlos. Ich will wirklich etwas sagen, aber es geht nicht, es kommt einfach sehr lange kein Ton.

 

„Drücken Sie mal auf Pause“, sagt mein Therapeut nach einer Weile und ich füge in meinen Gedanken einen kleinen Play/Pause-Button ein.

Woran hakt es? Ich weiß nicht genau, was ich machen soll. Soll ich dem Kind sagen, dass alles gut wird? Das wäre schließlich dreist gelogen. Ihm zu sagen, dass es die Kindergärtnerin nicht braucht, fühlt sich auch falsch an. Schließlich weiß ich, dass das Kind lernen wird, alles alleine zu regeln. Und dabei ganz gut werden wird, aber eben auch sehr einsam. Das ist ja gerade eines der Gefühle, das ich überwinden möchte. Soll ich das Kind aus meiner Sicht als Erwachsener ansprechen? Es quasi spoilern? Ich bin vom Prozedere überfordert, aber ein Teil von mir wehrt sich auch dagegen, diesen Job selbst übernehmen zu müssen. Alleine war ich doch sowieso schon immer? Das soll doch jetzt endlich vorbei sein?

Aber natürlich funktioniert das so nicht. Das Kind braucht aber jemanden, der immer für es da ist. Der es nie im Stich lassen wird. Dieser Jemand ist mein erwachsenes Ich. Es kann niemand anderes sein, weil niemand mich retten kann außer ich mich selbst. Eine Wahrheit, die ich eigentlich schon lange weiß, aber immer wieder aufs Neue nicht wahrhaben will. Weil es einfacher scheint, sich retten zu lassen. Die Nähe und Geborgenheit woanders zu suchen, anstatt sie sich selbst zu geben.

Mein Therapeut schlägt mir vor, was ich ungefähr sagen könnte, und da muss ich direkt wieder heulen, weil ich mir einfach verdammt nochmal wünschen würde, irgendjemand hätte das irgendwann mal zu mir gesagt und ich müsste mir das jetzt nicht selbst sagen.

Aber gut, jetzt bin ich nun mal an diesem Punkt, also ziehe ich es auch durch.

 

Wir drücken Play. Und ich brauche dennoch eine ganze Weile, um endlich etwas sagen zu können. In meinem Kopf ist es schon lange da, aber es ist unglaublich schwierig, kostet mich all meine Kraft und Überwindung, es laut auszusprechen. Ich bin so gut mit Worten, aber in diesem Moment kann ich nur stammeln und bin froh, überhaupt etwas herauszubringen. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe. Aber offensichtlich hat es gepasst.

Wir bleiben noch kurz in der Szene. Wie fühlen sich die beiden jetzt? Was hat sich verändert? Sagt die Fünfjährige vielleicht noch etwas zu ihrem erwachsenen Ich? Da muss ich lachen, denn wenn sie etwas sagen würde, wäre es ziemlich sicher ein irritiert-neugieriges „Wer zur Hölle bist du eigentlich?“. Vielleicht ohne die Hölle, vermutlich habe ich mit fünf noch nicht so viel geflucht wie heute.

Ich soll das Kind umarmen und wieder werde ich gefragt, was beide fühlen, und spätestens jetzt ist es mit meiner Fassung endgültig vorbei.

 

Und dann bin ich wieder zurück im Hier und Jetzt. Total verheult und am ganzen Körper angespannt.
Wir besprechen, was da gerade passiert ist. Dass ich das sehr gut gemacht habe. Dass die Emotionen, die ich spüre, normal seien.
Ob ich mich gerade mehr wie die Erwachsene oder wie das Kind fühle?
Erwachsene.
Das ist gut.

Ich glaube sonst bringe ich nicht viele zusammenhängende Sätze heraus. Das Ganze hat mich unheimlich mitgenommen. Auch mein Therapeut merkt das. Zögert, scheint sich nicht sicher zu sein, wie es mir geht. Ob es mir gut genug geht, um dieses lange, ereignislose, therapielose Osterwochenende zu überstehen.

Ich bin erschöpft, wirklich völlig erschöpft, aber ich habe meinem fünfjährigen Ich eine Sache voraus: Ich weiß mittlerweile, dass ich mich auf mich selbst verlassen kann. Ich schaffe solche Dinge. Immer. Irgendwie.

Ja, das war hart, und es wird mich noch beschäftigen, aber ich mache mir da keine Sorgen, sage ich.

„Also muss ich mir auch keine Sorgen machen?“, fragt er, und ich bin zu erschöpft, um zu antworten, schüttle nur den Kopf. Nein, muss er nicht.

 

Zurück auf dem Zimmer weine ich erst einmal. Ich spüre die Anspannung, kein Hochstress, aber zu hoch. Singe um zu skillen, gehe spazieren, höre Musik. Aber ich bin völlig ausgelaugt. Stolpere unsicher umher, friere, laufe nur halb so schnell wie sonst. Falle danach ins Bett und schaffe es den Rest des Tages nicht mehr, daraus aufzustehen. Aber all das ist ok. Weil ich fühle. Ich fühle einfach und unmittelbar und aushaltbar. Es überflutet mich nichts, kein anderes Gefühl hijacked diesen Moment. Ich fühle der Erinnerung nach und den Gefühlen, die sie ausgelöst hat. Aber mindestens genauso stark fühle ich dem Gespräch hinterher nach. Denn da habe ich Empathie und Sorge gespürt. Und dass es nicht egal ist, wie es mir jetzt damit geht. Das zu spüren hat mir mindestens genauso geholfen wie die Übung an sich. Denn das hat mein erwachsenes Ich dringend gebraucht, wenn es sich schon selbst retten muss.

 

Am Tag darauf spüre ich den Muskelkater in jeder einzelnen Faser meines Körpers, kann mich kaum bewegen. So angespannt war ich während der Übung. Ich bin immer noch völlig erschöpft, kann nicht aufstehen, nicht essen, nichts tun, liege im Bett, weine, schlafe. Gegen Abend lässt die körperliche Erschöpfung langsam nach, da trifft mich die emotionale Wucht noch einmal aufs Neue. Die Übung hallt in mir nach, fast das gesamte Osterwochenende lang.

Ich glaube, dass ich mit dieser Erinnerung direkt in meinen innersten Kern getroffen habe, ohne dass mir das bewusst war. Allein sein, verlassen sein ist das zentrale Gefühl meiner Kindheit. Und es zieht sich durch mein Leben wie kein anderes Gefühl. Es begründet die zentrale Dichotomie meiner Existenz:

Nähe – Distanz

Deswegen tue ich heute alles, um anderen Menschen nah zu sein. Suche so verzweifelt nach Nähe, Liebe und Geborgenheit, ohne wirklich zu wissen, wie das eigentlich aussieht. Wie das geht, Nähe zuzulassen. Und kann sie, wenn sie da ist, kaum ertragen. Zu groß ist die Angst, es könnte nicht von Dauer sein.

Und deshalb laufe ich davon, jedes Mal aufs Neue.

Zurück bleibt Sehnsucht, Rastlosigkeit, Leere.

Ich habe die kleine Fünfjährige vielleicht beruhigen können, aber da warten noch so viel mehr Erinnerungen dieser Art. Das macht mir Angst.

Aber nach dem Osterwochenende sind die unmittelbaren Nachwehen vorbei und etwas ganz anderes rückt in meinen Fokus. Etwas, worauf ich mich gleichermaßen freue wie ich mich davor fürchte, denn es ist eine erneute, maximale Veränderung.

Meine Zeit in der Klinik ist vorbei.

 

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