Ring frei

In spite of making this all I breathe
I’m sitting soulless in moments unforeseen
But I long to feel the breeze
Bound by this disease
Scars to take the place of open channels with no stream
I’ve got the answer
Do I dare to heed?
Monuments – I The Creator

Ich stehe in der ersten Reihe, die Musik umhüllt und durchdringt mich, sie ist so laut, dass alle anderen Reize einfach geblockt werden. Der Sänger schreit, der Rhythmus treibt, die Gitarren frickeln und die Leute um mich herum hüpfen, springen, tanzen.

Erst nicke ich nur mit dem Kopf, dann bewege ich die Finger zur Musik und schließlich den ganzen Körper. Energie wabert durch den Raum, ich singe und schreie und tanze und lasse Dampf ab und nehme die Energie der Musik und der hüpfenden Masse in mich auf. Es ist unheimlich befreiend und bestärkend zugleich, ein Ventil für all die Wut in mir und ein Trost für all den Schmerz.

Es ist wieder Montag, aber das Warten hat ein Ende. Morgen ist es soweit, morgen wird es ernst. Ab morgen darf ich in die psychosomatische Klinik.

Vincent bringt mich und dieses Mal müssen wir den bunten Punkten nicht mehr folgen, wir kennen den Weg.
Die Station ist nur für Patienten. Ich verabschiede mich von Vincent. Stehe hier mit einem Rucksack und einer Reisetasche und fühle die Blicke meiner künftigen Mitpatienten auf mir. Muss das Bedürfnis laut zu lachen unterdrücken. Es geht mir herausragend in diesem Moment, die Kontaktaufnahme mit dem Personal ist kein Problem, ich bin sogar zu Scherzen aufgelegt. Warum bin ich nochmal hier? Es ist, als wollte mir mein Unterbewusstsein noch einmal den ganz großen Mittelfinger mit auf den Weg geben. Ein letztes Aufbäumen meines Verteidigungssystems, um mich doch noch davon abzubringen, mich meinen Dämonen zu stellen.
Dieser Kampf ist vor allem ein Kampf gegen mich selbst.

Aber ich laufe nicht weg und werde auf der Station aufgenommen.
Ich bekomme ein Zimmer, eine Gruppe, ein Notizbuch, ein Wochenprogramm. Stationsregeln, Essenszeiten, Essenspläne. Bekomme Puls und Blutdruck gemessen, einen EKG gemacht, Blut abgenommen, werde gewogen und fülle Fragebögen aus. Mitpatienten sagen mir ihre Namen, eine zeigt mir alle Räume, in denen ich Therapien haben werde und ich bin so informationsüberflutet, dass ich fast alles sofort wieder vergesse.

Im Aufnahmegespräch erzähle ich mein komplettes Leben – chronologisch oder situativ?, fragt mich der Arzt, und natürlich wähle ich chronologisch. Alles hängt zusammen, nichts an meinem Zustand ist ein isoliertes Problem, und ich brauche ganze zwei Stunden, um alles einmal grob aufzudröseln. ALLES, selbst der Arzt scheint erstaunt über meine Offenheit, aber warum sollte ich ausgerechnet hier etwas verschweigen?

Immer wieder werde ich gefragt, was meine Probleme sind, und obwohl es sich jedes Mal surreal anfühlt sie aufzuzählen, gelingt es mir mittlerweile, so oft habe ich sie jetzt schon aufsagen müssen.
Immer wieder werde ich gefragt, was meine Ziele hier sind, und darauf habe ich nicht sofort eine Antwort.

Ich werde Tage brauchen, um zu begreifen, wo ich bin, was hier passiert, was ich hier eigentlich will. Aber schon in meinen ersten Tagen stelle ich zwei sehr entgegengesetzte Dinge fest:
Ich komme etwas zur Ruhe, weil ich nicht mehr permanent das Gefühl habe, durchhalten zu müssen. Der offizielle Rahmen, in einer Klinik zu sein, gibt mir die Legitimation, die ich anscheinend brauche, um zu akzeptieren, dass es mir beschissen geht.
Gleichzeitig steigt meine Anspannung. Denn natürlich weiß ich, dass ich mich hier mit Dingen beschäftigen muss, mit denen sich ein großer Teil von mir nicht aktiv beschäftigen will.

Ich weiß, dass in der Klinik nicht alles auf einmal gut werden wird. Vermutlich wird alles sogar erst einmal noch viel schlechter. Auf jeden Fall wird es ein Kampf. Ein Kampf, um den ich nie gebeten habe, den ich nicht kämpfen, aber noch weniger verlieren will. Bisher bin ich vor allem durch den Ring getänzelt, habe mich weggeduckt. Manchmal hatte der Schiedsrichter ein Einsehen und verhängte ein kurzes Time Out. Aber langsam geht mir die Puste aus.
Ich muss mich wehren, sonst ist der Kampf bald vorbei.
In der Klinik, das hoffe ich, nehme ich all meine verbliebene Kraft zusammen und schlage zurück.

Aber noch nicht heute. Noch sammle ich Kraft, stehe ich hier in der ersten Reihe und tanze und singe und für einen Moment bin ich leicht und die Welt ist es auch.

This is the end
Of promises made
That were never meant
To hurt
Let it go, let it go

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4 Kommentare

  1. Was mich nochmal interessieren würde wäre gar nicht mal nur das Emotionale, sondern auch Abläufe, Regeln, dein Alltag und wie du damit klar kommst. Kann mir das in so einer Klikil gar nicht vorstellen.

    1. Dazu werde ich nächste Woche auch definitiv etwas schreiben. Aber erst muss ich mich selbst noch etwas zurecht finden, und volles Programm hatte ich bisher auch noch nicht – das wird langsam gesteigert, damit man sich an alles gewöhnen kann. Außerdem wird alles in Absprache mit mir festgelegt und die Therapeuten wollen einen auch erst einmal ein bisschen kennen lernen, bevor sie den kompletten Plan festlegen

  2. Du beschreibst deine Einstellung mit einem Kampf, den du aufnimmst und aus dem du siegreich hervorgehen möchtest. Vielleicht ist das sogar das passende Bild für dich, insofern will ich dir da nicht reinquatschen.

    Aber ich hätte die Therapie eher mit einer Renovierung oder Restaurierung verglichen. Der Aufenthalt bietet dir die Möglichkeit den verwitterten alten Schuppen, der nur noch mit viel gutem Willen dem Sturm trotzen kann, einmal von Grund auf zu sanieren. Du hast die Möglichkeit in einem windgeschützten Bereich Brett für Brett abzumontieren, zu überprüfen und entweder zu schleifen und frisch zu streichen oder das morsche Ding durch ein neues zu ersetzen. Dazu kannst du dann auch noch die alten Einglasscheiben duch moderne Fenster ersetzen, dann sind Lärm und Kälte nicht mehr so stark zu spüren. Und vielleicht hast du ja sogar die Muße über eine Veranda nachzudenken oder einen Kamin zu ziehen. Wer weiß!?

    Ich glaube, dass das Ziel nicht sein sollte zu lernen den Sturm zu bezwingen, sondern trotz Sturms alles zu unternehmen, damit einem die Hütte nicht wegfliegt. Aber wie gesagt, dass wäre mein Bild und muss mit deiner Erfahrungswelt nicht übereinstimmen. 🙂

    1. Tatsächlich glaube ich, dass du Recht hast. Ich finde sowohl das Bild von der Renovierung als auch das vom Sturm sehr passend. Wenn ich länger über den Kampf nachdenke, glaube ich, dass der nie zu Ende sein wird. Man kann so etwas glaube ich nicht gewinnen, nur eben weitermachen und nicht aufgeben. Ich habe das Bild vermutlich gewählt, weil es sich gerade jetzt, am Anfang meines Weges, sehr nach einem Kampf anfühlt. Vor allem danach, dass ich endlich aktiv werden und mich „wehren“ muss, statt nur zu reagieren. Und ich glaube für den Anfang ist das auch richtig. Für jetzt hilft mir die Kampf-Metapher, aber ich glaube auf lange Sicht werde ich auch zu dem Schluss kommen, dass man nicht permanent gegen sich selbst kämpfen kann. Die Renovierung klingt sehr viel versöhnlicher einem selbst gegenüber und ich hoffe, dass ich mir dieses Bild in Zukunft aneignen kann.

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