Therapie in Zeiten von Corona II

You won’t affect me, I’m in control
When I take the role of the misanthrope
A well of emotion taking you back
I won’t be shaped
Cause it never ever lasts
Leave me alone
Give me no words to keep
No familiarity
And I won’t be deceived
Soilwork – Long Live the Misanthrope

Im Laufe der Woche verlassen noch einige Mitpatienten die psychosomatische Klinik. Das ganze Wochenende liegt die Angst vor neuen Maßnahmen in der Luft. Unsere Vorahnung wird nicht enttäuscht.

Am Montag dann die Nachricht: Unsere Station wird aufgelöst. Betten frei machen für die COVID-19-Welle. Wir werden nicht nach Hause geschickt, aber auf andere Stationen aufgeteilt. Wie genau es mit den Therapien weitergeht, ist offen.
Zuviel für mich. Ich stürme aus der Morgenrunde und gehe sofort in die Hochanspannung.

Im Nachhinein erscheint mir meine Reaktion einigermaßen absurd, aber in dem Moment bin ich nicht in der Lage, mit dieser Veränderung adäquat umzugehen. Sie kommt mir zu massiv vor, zu unerwartet, zu unfair.

Ich habe mir soviel Mühe gegeben, mich hier einzuleben, eine Verbindung zum Personal einzugehen, Kontakte zu den Mitpatienten zu knüpfen. Ich habe es verdammt gut hingekriegt, und jetzt soll das alles umsonst gewesen sein? So sehr ich die Notwendigkeit verstehen kann, zusätzliche Betten zu schaffen – dass ich nichts tun kann, wieder nur Spielball in den Händen anderer bin, macht mir extrem zu schaffen. Allein der Gedanke daran, dass hier bald alle Abläufe anders sind, haut mich um. Es fühlt sich an, als müsse ich wieder von null anfangen, und das bei allem: den sozialen Kontakten genauso wie dem Personal gegenüber. Besonders trifft mich der drohende Verlust meines Bezugstherapeuten – denn mehr als die Aussage, es würde versucht, dass jeder seinen Therapeuten behalten kann, ist nicht zu bekommen. Einigermaßen unglücklich ausgedrückt, und ich verbringe viel Zeit damit, mich über die schlechte Krisenkommunikation hier aufzuregen. Dass ich so versuche, meine Angst und den Kontrollverlust irgendwie zu rationalisieren, wird mir erst Tage danach klar.

 

Am Dienstag erfahren wir, dass bis auf weiteres alle Gruppentherapien ausfallen. Und der Umzug wird real. Natürlich wird der Kreis von mir wichtigen Mitpatienten genau gesplittet, ich komme auf die Nachbarstation zu den Menschen unter 25. Die meisten anderen kommen nicht nur auf eine andere Station, sondern sogar in ein anderes Haus.

Ich bin nicht mehr in der Lage, das rational einzuordnen, fühle nur noch Angst, Ohnmacht, Kontrollverlust. Und Wut. Auf fast alles und jeden an diesem Ort. Bereue es, mich geöffnet zu haben, Menschen an mich herangelassen zu haben, die mich dann doch nur enttäuschen. Verspüre einen unheimlichen Trotz. Dann eben nicht. Sie werden schon sehen, was sie davon haben. Jetzt wird es mir richtig schlecht gehen, und sie sind schuld. Was ich hier alles schon erreicht habe? Egal und irrelevant. Ich bin bereit, alles aufzugeben, so sinnlos erscheint es mir in diesem Moment.

Ich bin fast drei Tage lang permanent unter Hochanspannung – und anders als sonst will ich da auch gar nicht herauskommen. Meine Wut, mein Trotz fühlt sich so gerechtfertigt an, so überlebensnotwendig. Ich höre meinen Verstand zwar noch leise aus einer Ecke sprechen – denn natürlich kommen diese Gefühle nicht alle von der unmittelbaren Situation. Natürlich glaubt ein Teil meines Bewusstseins, mich schützen zu müssen mit diesem Extremzustand, weil die Hilflosigkeit Erinnerungen an bereits erlebte Traumata wecken. Aber das hilft mir nicht, die Emotionen sind lauter. Es ist die einzige Möglichkeit für mich, in diesem Zustand der absoluten Fremdbestimmung ein letztes bisschen Kontrolle zu bewahren – so paradox das klingt. Das Notfallprogramm in mir fährt alle Schilde hoch, zieht mich zurück, lässt mich auf Distanz zur Welt gehen und härtet mich innerlich ab. Denn auf mich selbst kann ich vertrauen, das weiß das Notfallprogramm. Alles andere wird ausgeblendet. Doch der Druck in mir wächst dabei so stark, dass er kaum auszuhalten ist. Als ich meine Sachen in mein neues Zimmer bringe, begleitet von der Stationsleitung, bin ich am Scheitelpunkt angekommen. Ich kann nicht mehr. Wenn ich jetzt hier allein bleibe, kann ich nicht mehr anders, als mit der Faust gegen die Wand zu schlagen.

Ich schaffe es, das nicht zu tun, es aber zu kommunizieren, und der Impuls geht vorbei.

Ich schaffe es mit einer Mischung aus Zeit und Bewegung, meinem Verstand den nötigen Raum zu geben, wieder lauter zu werden. Dann bin ich auch in der Lage, die Anspannung konkret zu bekämpfen.
Gegen Ende der Woche geht es mir wieder besser.

 

Diese Woche scheint sich alles etwas beruhigt zu haben. Es gibt einen Behandlungsplan – ausgedünnt zwar, aber immerhin passiert etwas. Alle Gruppenangebote entfallen bis auf weiteres komplett. Also keine Morgenrunden mehr, keine Themengruppen – letztere vermisse ich tatsächlich sehr. Die Morgenrunden weniger.

Was irgendwie geht, wird von Gruppen- auf Einzelsitzungen verlagert. Die Wissensgruppen finden jetzt als Mini-Einzelsitzung mit den jeweiligen Therapeuten statt – heruntergekürzt auf eine Viertelstunde, aber immerhin. Die Themengruppe entfällt. Dafür gibt es jetzt zwei Einzelsitzungen mit dem Bezugstherapeuten pro Woche – und das ist tatsächlich eine ungeheuer positive Sache, finde ich. Vor allem, weil ich natürlich nicht wechseln muss, wie es vermutlich für jeden außer für mich absehbar war.

Die Bewegungstherapie wird von zweieinhalb Stunden auf eine gekürzt, aufgeteilt auf zwei Sitzungen. Dafür ist man auch hier alleine mit der Bewegungstherapeutin. Ich boxe mit ihr, weil das so energieintensiv ist, dass ich mich zumindest etwas auspowern kann. Bewegung hilft mir sehr gut gegen die Anspannung, und ich habe hier einen immensen Bewegungsdrang entwickelt.

Die Sportangebote entfallen komplett, auch der Trainingsraum ist gesperrt. Was bleibt ist auf dem Klinikgelände spazieren zu gehen oder Tischtennisspielen – beides nur zu zweit. Ich habe ein Theraband bekommen, mit dem ich auf dem Zimmer Übungen machen kann. Wenn ich nicht genug bekomme, dann renne ich die Treppen zur Station ein paar Mal rauf und runter. Damit kann ich es momentan aushalten.

Was wir selbst machen können, sollen wir selbst machen – Achtsamkeitsübungen etwa, Atemtherapie oder Progressive Muskelentspannung. Die Pfleger bemühen sich darum, die fehlenden Morgenrunden durch kurze persönliche Kontakte über den Tag verteilt zu ersetzen. Überhaupt sind alle sehr verständnisvoll. Ich hätte mir trotzdem weniger Chaos gewünscht, mehr Nutzung von Spielraum, der einem immer irgendwie gegeben ist, wenn man sich nur traut, ihn auch zu suchen. Aber Eigeninitiative und Verantwortung übernehmen ist etwas, bei dem ich hier schon ein gewisses Defizit wahrgenommen habe, als Corona noch gar kein Thema war. Ich habe den Eindruck, dass hier von oben eine sehr strikte Führungskultur vorgelebt wird, die zur Folge hat, dass nach unten der Druck und nach oben die Verantwortung weiter gegeben wird. Das denkbar schlechteste Klima für Innovation, eigene Ideen – und eben Eigenverantwortung. Ohne Anweisung von oben sind die Angestellten dann schnell verloren – und das geht in diesem Fall zu Lasten der Patienten. Wir fühlen uns allein gelassen mit diesem abrupten Wechsel, bekommen weder die neue Station und die Abläufe gezeigt noch irgendwie die  Möglichkeit, selbst mitzugestalten, was mit uns passiert. Das ändert sich erst, als wir es von uns aus thematisieren.  Ich bin froh, dass auf unsere Kritik sehr empathisch und verständnisvoll reagiert wird, und zwar durchgehend, egal ob von seiten der Pfleger oder der Therapeuten. Trotzdem erfordert es eine Menge Eigeninitiative.

 

Alles in allem haben wir mit dem abgespeckten Programm natürlich deutlich weniger zu tun als vorher, wo der Tag ja auch schon nicht komplett gefüllt war. Und alles, was irgendwie mit der Gruppe zu tun hat, entfällt – für alle schwierig, die genau daran arbeiten möchten. Für mich persönlich hat die Situation aber deutlich mehr Vorteile als Nachteile. Mehr Einzeltherapie ist ein Glücksfall, denn dort kann man am intensivsten und nachhaltigsten an seinen Problemen arbeiten. Ich habe die Depressionssymptomatik auch gut genug im Griff, um hier nicht im Zimmer zu versacken, sondern viel in Eigenregie zu machen.

Ganz abgesehen davon, dass die Alternative zum Klinikaufenthalt gerade alles andere als erstrebenswert ist. Ich habe zwar einen Tag vor meiner Ankunft in der psychosomatischen Klinik offiziell meine neue Wohnung bezogen. Darin steht aber noch kein einziges Möbelstück. Fast alle meine Sachen lagern nach wie vor 600 Kilometer entfernt im Keller meiner alten Wohnung – und einen Umzug sehe ich nicht passieren, solange die Corona-Einschränkungen gelten. Aber der wichtigste Punkt: Ich habe kein Internet in der Wohnung. Ich kann also kaum etwas machen, viele meiner Beschäftigungen fallen damit weg.

Das alles wird natürlich auch nach meiner Entlassung der Fall sein, aber bis dahin kann ich mich hoffentlich um einige Dinge kümmern. Jetzt gerade ist meine Wohnung aber keine Option für mich.

Und ich will auch noch gar nicht raus aus der Klinik. Denn ich verfolge hier ganz neue Spuren auf der Suche nach mir selbst.
Ich habe eine neue Diagnose. Und sie lautet: Borderline.

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