Therapie in Zeiten von Corona

Memory is fiction, so the past is your invention
Catch yourself, self-dissect, how youth outlives age
How beauty shames skill
Prayer is for dependents and wish is for the will
A struggle for independence, a harmless stage
Art gaining post-mortem fame
The Agonist – The Escape

Man lebt hier in der Klinik wie in einer Käseglocke, selbst wenn man draußen Freunde besucht und Nachrichten liest. Und so war es einerseits absehbar, dass wir hier irgendwann auch von der Corona-Pandemie betroffen sein würden – aber als es dann soweit war, hat es sich doch sehr unwirklich angefühlt.

Am Donnerstag ist wie gewohnt Patientenversammlung, wo wir unter anderem die Freizeitaktivität für den Samstag planen. Die Unsicherheit, wie sinnvoll dies in Zeiten von COVID-19 ist, beschäftigt bereits Teile der Gruppe. Auf Nachfrage teilt uns der Pflegestützpunkt allerdings mit, dass vorerst keine besonderen Schutzmaßnahmen für uns gelten würden. Wir planen also.

Freitags überschlagen sich dann die Ereignisse. In der Morgenrunde wird uns mitgeteilt, dass die Freizeitaktivität bis auf weiteres ausfällt. Wir sollen uns in der Klinik beschäftigen. Nachmittags dann die Ansage: Ab sofort dürfen wir das Klinikgelände nicht mehr verlassen. Keine Einkäufe, keine Besuche machen, keine Spaziergänge außerhalb, keine Belastungsausgänge am Sonntag. Besuch empfangen nur zwischen 15 und 19 Uhr und nur eine Person pro Patienten. Eine Mitpatientin liegt mit Fieber und Halsschmerzen flach, sie wird mitsamt ihrer Zimmernachbarin im Krankenzimmer isoliert. Die Stimmung auf Station: gespenstisch. Nicht wenige Patienten beschließen, abzureisen. Sie haben Kinder, um die sie sich kümmern müssen, nachdem die Schulen schließen. Wer nächste Woche ohnehin entlassen wird, kann vorzeitig nach Hause, das therapeutische Abschlussgespräch soll per Skype stattfinden. Wir dürfen alle gehen, wenn wir das wollen, aber dann eben nicht mehr zurückkommen. Die Therapie gilt dann nicht als abgebrochen, aber wer weiß, wann man sie wieder aufnehmen kann? Wir sitzen im Aufenthaltsraum, verabschieden einen Mitpatienten nach dem anderen und fühlen uns alle sehr unwirklich. Die Situation, die Umwelt scheint mit einem Mal so absurd, so nicht greifbar und unecht, wie in einem Film oder Traum.

Dieses Gefühl der Derealisation nimmt mich am meisten mit. Ich kenne es, es kann Symptom einer Traumafolgestörung sein und ich habe es über die Jahre immer wieder mal erlebt. Im Prinzip habe ich keine Angst vor Corona, aber dieses Gefühl der Unwirklichkeit erinnert mich an andere Situationen, in denen ich mich so gefühlt habe. Es macht hilflos und das ist generell kein Gefühl, das ich gerne habe. Aber es geht allen so, und wir sitzen zusammen, reden, versuchen das Beste daraus zu machen. Die Krankenhausisolation macht mir zu diesem Zeitpunkt keine Sorgen. Ich schreibe sogar noch mit Vince darüber, für den es der absolute Horror wäre, das Gelände nicht verlassen zu dürfen. Sage ihm, dass ich das gar nicht schlimm finde. Habe ja ne Menge Bücher da.

In der Nacht von Freitag auf Samstag beginnt mein Körper, mir mitzuteilen, dass er das völlig anders sieht. Ich habe die ganze Nacht erhöhten Puls, spüre meinen Herzschlag überdeutlich. Und ich träume von abstürzenden Flugzeugen.

Diesen Traum habe ich in Variationen immer wieder. Selten sitze ich im Flugzeug; meistens stürzt es auf mich. Und ich sterbe und wache auf, weiß aber manchmal minutenlang nicht, ob ich tot bin oder lebe. Meistens stürzt das Flugzeug woanders ab, aber es ist im Traum lange nicht klar, wo es genau runterkommt, und ich versuche zu fliehen. Ich träume das so oft, dass es mich nicht wundern würde, wenn ich das mal wirklich erlebe. Ich denke jedes Mal aufs Neue im Traum, dass es dieses Mal wirklich real ist. Und ich bin erleichtert, denke „Endlich!“, weil es dann endlich passiert ist. Dieses Mal stürzt das Flugzeug nicht auf mich, ich sitze in einem Auto und kann wegfahren. Trotzdem nimmt mich dieser Traum mit, wie jedes Mal. Ich vermute, er hat etwas mit Kontrolle zu tun, beziehungsweise mit Kontrollverlust. Denn das ist eines meiner zentralen Themen.

Beim Frühstück am Samstag stehe ich neben mir. Bin müde, fühle mich wie zerschlagen. Der Coronaverdacht der Mitpatientin bestätigt sich nicht. In der Morgenrunde gibt es trotzdem nur ein Thema. Wie geht es weiter, was passiert? Das Personal versucht uns zu beruhigen, aber natürlich können sie auch nur weitergeben, was sie von weiter oben hören. Meine Anspannung steigt. Wie es uns geht mit der Situation, fragen sie. Und mir wird klar, wie sehr ich mich gestern geirrt habe. Ich habe ein verdammt großes Problem damit, hier nicht wegzudürfen. Nicht weil ich irgendwo sein muss. Sondern weil es mir die Möglichkeit nimmt, selbstbestimmt zu handeln. Weil es eine Form von Kontrolle über mich ist. Und weil ich selbst Kontrolle über meine Situation verliere.

„Also der Verlust von Autonomie?“, schließt die Therapeutin und ja, genau das ist es. Ich habe ein extrem großes Bedürfnis nach Unabhängigkeit, nach Autonomie. So groß, dass ich teilweise absolut irrational reagiere, wenn ich das Gefühl habe, jemand will mich in meiner Autonomie einschränken. Teilweise begreife ich wiederum gar nicht, wenn Menschen, Partner vor allem, mich wirklich in meiner Autonomie einschränken. Ich bin Experte darin, mir mein eigenes Gefängnis zu bauen. Und mir auch noch einzureden, wie schön es darin ist und wieso dieses Gefängnis absolut sinnvoll ist.

Als die Gruppe anfängt, über den Sinn und Unsinn der Maßnahmen zu diskutieren, halte ich es nicht mehr aus. Stehe auf und verlasse den Raum. Musik an, Infinitywürfel drehen. Meine einfachsten und erprobtesten Möglichkeitem, Anspannung zuregulieren, aber sie sind ein Tropfen auf den heißen Stein. Als die Morgenrunde vorbei ist, kommt die Therapeutin auf mich zu, um zu fragen, wie es mir geht. Ich merke die aufsteigenden Tränen, als ich ihr antworte – ein sicheres Zeichen für Hochanspannung. Ob ich einen Skill möchte? Ich bejahe und bekomme einen Chili-Lutscher. Und weil ich gelernt habe, dass alleine sein mir in solchen Situationen nicht hilft, obwohl ich es dann am liebsten wäre, gehe ich in den Aufenthaltsraum. Ich habe Autonomie lange mit Alleinsein verwechwelt und tue es immer noch ständig, aber nicht heute. Der Chili-Lutscher brennt und das reisst mein Gehirn wie beabsichtigt aus seinem Film. Die Anspannung sinkt, aber das tut auch der Kreislauf, meine Beine werden wacklig und mir ist schwindlig. Ich setze mich hin, will aber hier nicht bleiben.

Muss hier raus.
Skill-Kette.
Frische Luft.

Meine Mitpatienten bringen mich nach draußen, begleiten mich eine Runde um die Klinik. Reden mit mir.
Und langsam lässt die Anspannung nach.

Nachmittags tritt ein Besuchsverbot in Kraft. An den Türen steht Personal und lässt nur noch Patienten herein. Der Tag zieht sich, egal was man auch macht. Ich meide all die Leute, die hier nur ein Thema kennen: Corona, Corona, Corona. Es macht mich aggressiv, immer wieder die gleiche Diskussion über Sinn und Unsinn der Maßnahmen zu hören, die wir eh nicht ändern können.

Am Sonntag bin ich entspannter und alle anderen scheinen es auch. Nach der Angst kommt wohl der Fatalismus – selten wurde auf Station so viel gelacht wie an diesem Tag.

Am Montag erfahren wir, dass vorerst keine neuen Patienten in der Psychosomatik aufgenommen werden sollen. Unsere Therapien sollen wie geplant stattfinden, aber vielleicht legen sie die Gruppen zusammen. Vormittags tagt der Krisenstab auf allen Krankenhausebenen. Natürlich hat die psychosomatische Station keine Priorität in solchen Zeiten, aber gleichzeitig ist allen klar, dass es gerade bei psychischen Problemen fatal sein kann, ständig in Ungewissheit zu sein, wie es nun weitergeht. Das ist allen hier bewusst und Pfleger und Therapeuten kümmern sich darum, so gut sie eben können.

Mittlerweile habe ich mich etwas gefangen. Ich gehe mehrmals am Tag nach draußen und drehe meine Runden im Park. Laufe dieselben Wege im Zickzack, immer und immer wieder, fühle mich wie ein Tier im Zoo. Aber das Wetter ist wunderschön, die Luft riecht nach Frühling. Das macht es besser. Aber über allem schwebt die Option, vielleicht bald die Station nicht mehr verlassen zu dürfen. Oder vielleicht sogar das Zimmer, sollte jemand aus meinem Umfeld positiv getestet werden. Allein der Gedanke daran treibt meine Anspannung in die Höhe.

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