Warten auf Montag

Blue is the colour of my soul
Bad times breaking up my life lines
Now my days are all overcast
And I can’t seem to find my way up on this lonely road
Graveyard – Blue Soul
Entscheidungen zu treffen ist etwas, das mir aus vielen Gründen nicht leichtfällt. Die Depression, die Angst, das Trauma, all das macht manchmal selbst die Wahl zwischen zwischen zwei T-Shirts oder dem Abendessen kompliziert. Leider bin ich gerade in einer Situation, in der ich ständig Entscheidungen treffen muss, die mein ganzes Leben beeinflussen.

Das schwierigste ist aber dennoch nicht die Entscheidung selbst, sondern der Punkt, an dem man eine Entscheidung in die Tat umsetzen muss. Anzurufen. Aufzustehen, sich anzuziehen und das Haus zu verlassen. Die erste Hürde ist immer der Kopf, aber die zweite, oft viel größere, ist der Körper.

Die Entscheidung, noch einmal in die Klinik zu gehen, habe ich schon vor Wochen gefällt. Aber dann gab es immer Gründe, warum es gerade nicht ging. Durchaus legitime Gründe, aber trotzdem habe ich es immer weiter hinausgezogen, aufzustehen und diese Entscheidung in die Tat umzusetzen.

Bis zu diesem Freitag. Wir sind nach viel zu wenig Schlaf viel zu früh aufgestanden und in die Klinik gefahren. Notfallsprechstunde Psychiatrie. Parkplatz suchen, am Empfang nach dem Weg fragen, erst den blauen, dann den grünen Punkten folgen. Warten.

Im Dezember war ich das erste Mal überhaupt in der Psychiatrie. Ein krasser, surreal wirkender Schritt. Denn wie so viele Menschen habe ich mich nie als jemand gesehen, der das nötig haben könnte. Und trotzdem ist es so gekommen.

Ich würde lügen, wenn ich schreibe, dass es mir leichtgefallen ist. Oder dass es mir keine Angst gemacht hat. Ich hatte Angst, ich habe geweint, ich habe gesagt: Ich will nicht in die Psychiatrie. Und bin trotzdem gegangen, weil ich keine Alternative gesehen habe.

Jetzt warte ich in einer anderen Klinik. Spezialisiert auf Depression und empfohlen von einem Bekannten. Es ist weniger los als befürchtet, und die Wartenden vor mir sind schnell abgefertigt.

Wie immer habe ich mir im Vorfeld lang und breit überlegt, was ich erzähle. Ich empfinde es als unfassbar schwierig, in so kurzer Zeit auf den Punkt zu bringen, wie es mir geht. Wie es mir geht ist die meiste Zeit für mich nur unter großen Anstrengungen greifbar. Dazu kommt die akute Überforderung, die mich aus meiner autistischen Perspektive immer in mir unbekannten Situationen begleitet.

Tatsächlich wird es nicht leichter, über meine Probleme zu reden, nur weil ich es in letzter Zeit immer öfter mache. Auch heute stehe ich wie so oft ein bisschen neben mir, während ich es tue. Das Gespräch gestaltet sich extrem kurz. Mein Gegenüber fragt nach körperlichen Beschwerden zusätzlich zu den psychischen – als ich das bejahe, verweist sie mich direkt an die psychosomatische Station. Dort hält sie mich für besser aufgehoben, dort gibt es mehr Programm, mehr Therapie.

Wir gehen also ein paar Zimmer weiter, doch dort kann man mir nicht weiterhelfen. Alle Verantwortlichen sind krank oder noch nicht da, die Vertretung weiß auch nicht Bescheid, aber ich könne online den Fragebogen ausfüllen. Dann würde man sich melden.

An dieser Stelle wäre ich wieder nach Hause gegangen. Alles logische Gründe, alle waren nett – dagegen kann ich mich nicht wehren. Hartnäckig und fordernd zu bleiben fällt mir extrem schwer. Dass ich es dennoch weiter versuche, liegt an Vince, der mich begleitet. Er hakt nach, er insistiert. Also geht es wieder zurück in die psychiatrische Sprechstunde. Denn ich brauche akut Hilfe – nicht unbedingt heute, aber in den nächsten Tagen. Darum bin ich ja hier. Und die resolute Frau dort übernimmt. Sie telefoniert herum, organisiert einen Fragebogen. Als ich ihn ausgefüllt habe, ist dann auch der zuständige Kollege aufgetaucht. Aber auch er sagt mir direkt, dass es mehrere Wochen dauern kann, bis sie einen Platz für mich haben. Für die Psychiatrie wäre die Wartezeit sogar noch länger. Er verspricht, sich meinen Fall anzusehen. Am Montag soll ich mich melden, dann kann er mir eine Prognose geben, wie schnell ich aufgenommen werden kann. Aber wenn ich akut Hilfe brauche, soll ich mich an die Klinik wenden, in der ich im Dezember war.

Also fahren wir zurück nach Hause und seitdem warte ich auf den Montag. Noch unsicher, was ich dann mache. Es ist keine schöne Erfahrung, wenn ein sich aufraffen nicht mit wirklichem Erfolg gekrönt wird. Wenn man den Schritt macht, um Hilfe zu bitten, und dann nur vertröstet wird.  Wäre Vince nicht hartnäckig geblieben, hätte ich vielleicht den Online-Fragebogen ausgefüllt – aus akuter Hoffnungslosigkeit vielleicht aber auch nicht. Hätte vermutlich viel länger als bis Montag warten müssen auf Rückmeldung. Aber wie viele Menschen haben einen Vince an ihrer Seite und wie viele sind alleine? Wie viele fallen in ein noch tieferes Loch, wenn sie aktiv Hilfe suchen, aber dann nur warten können? Wie vielen Menschen geht es noch schlechter als mir und bekommen trotzdem keine akute Hilfe? Wenn die Wartezeiten so lange sind, die Nachfrage also so groß, sagt das zwei Dinge aus, laufen grundsätzlich zwei Dinge schief: Unserer Gesellschaft geht es schlecht, egal wie gut die Konjunktur und die Lebensbedingungen sind. Und das Gesundheitssystem ist nicht in der Lage, die Hilfe zu geben, die benötigt wird.

 

 

 

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1 Kommentar

  1. Du warst im Dezember zum ersten Mal in der psychatrischen Notaufnahme!? Gut, dass ich das erst jetzt erfahre, das hätte meine Sorgen nur verstärkt. 🙂 Es ist immer wichtig, dass jemand dabei ist, wenn man Hilfe – gleich welcher Art – in Anspruch nehmen will. Die meisten von uns sind nicht darin geübt, um Hilfe zu bitten – kenne ich nur zu gut von mir selbst. Aber auch großen Respekt an Vince, ist ihm bestimmt auch nicht leicht gefallen. Umso besser, dass ihr beide am Ball bleibt!

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