Warum ein guter Tag nicht immer gut ist – aber immer noch besser als ein schlechter

And higher and higher and higher I go
And deeper and deeper and deeper the flow
And higher and higher and higher we go
And deeper and deeper and deeper we fall
Disillusion – The Liberation

Heute ist ein positiver Tag. So positiv, dass ich mich schon frage, ob ich überhaupt noch in die Klinik muss oder ob es mir dafür nicht schon zu gut geht. Was, wie ein Teil von mir sehr wohl weiß, Schwachsinn ist. Aber so funktioniert mein Kopf. Alles, was schlecht ist, passiert so abgetrennt und abgespalten von meinem Bewusstsein, dass es mir schon absolut unterirdisch gehen muss, damit ich es wirklich wahrnehme. Auch deshalb hat es so immens lange gedauert, zu begreifen, wie tiefgreifend meine Probleme sind. Und obwohl ich diesen Mechanismus jetzt erkannt habe, hört er nicht auf zu funktionieren. Ich habe einen guten Tag oder sogar eine ganz gute Woche – und sofort denke ich, dass es ja gar nicht so schlimm sein kann.

Dazu kommt die Angst, dass sie mich in der Klinik dann vielleicht gar nicht haben wollen. Wenn es mir ja nicht abgrundtief schlecht geht. Weil ich noch lachen kann und mal ein paar Tage nicht heulen muss und die Angst nicht omnipräsent ist.

Ich vermute heute, dass das traumabedingte Mechanismen sind. Eine komische Art von Schutzfunktion, die die schlimmen Dinge von mir fernhalten will. Die dafür sorgt, dass ich im Alltag funktioniere, weil ich all das Furchtbare nicht spüre. Das hat immerhin drei Dekaden lang funktioniert, mal besser, mal schlechter. Aber immer so, dass ich nicht wirklich groß aufgefallen bin. Nur manchmal, hier und da, aber weil ja doch alles irgendwie funktioniert hat, die Noten gut waren, die Uni geklappt hat, ich erfolgreich im Job war. Was mich das alles kostet, hat niemand gesehen, nicht einmal ich selbst. Ich habe nur irgendwann gemerkt, dass ich mir immer wieder den Kopf an plötzlich auftauchenden Mauern blutig stoße. Ohne zu wissen, warum und wo die herkommen. Also habe ich versucht, den Mauern aus dem Weg zu gehen. Und habe immer weniger unterkommen. Denn wenn man sich zurückzieht, kann auch nicht so viel schiefgehen, richtig?

Obwohl ich immer ein Mensch war, den andere als mutig, als aktiv und interessant bezeichnet haben, gibt es doch auch so viele Dinge, die ich nicht gemacht habe. Aus Angst davor, dass dann Dinge passieren, mit denen ich nicht umgehen kann.

Denn an guten Tagen will ich die Welt.
An schlechten erdrückt mich die Welt.

Und erst jetzt, wo ich tatsächlich die schlechten Tage nicht mehr verdrängen kann, merke ich, dass diese Angst Bullshit ist.

Beschissene Dinge können einem immer passieren. Selbst dann, wenn man sich isoliert, sich einen Schutzpanzer anzieht und das Haus nicht verlässt. Man kann dem Leben nicht entkommen, und zum Leben gehören nun einmal die guten wie die schlechten Momente. Warum dann also verstecken? Wenn man sich ohnehin nicht schützen kann, warum dann nicht etwas wagen? Mutig sein, ausbrechen, ausprobieren?

Ich weiß, dass ich selbst immer wieder daran scheitere, so zu leben, wie ich es hier fordere. Es ist die Angst, die mich davon abhält. Die Angst ist so allumfassend und monumental und kommt so vermeintlich rational, dass ich ihr oft nichts entgegensetzen kann. Und dann doch immer wieder nachgebe. Aber genauso oft breche ich aus. Und auch wenn ich heute ziemlich mitgenommen und kaputt dastehe, würde ich jeden einzelnen Ausbruch immer wieder machen. Würde noch viel öfters ausbrechen und alles mitnehmen, was irgendwie geht.  Wirklich real ist ohnehin nur der Moment, also warum nicht den besten, den grandiosesten, monumentalsten Moment suchen, immer und immer wieder? Fallen werden wir früher oder später sowieso.

Fällt man wirklich umso tiefer, je höher man vorher aufsteigt? Natürlich, sagt die Angst. Logisch, sagt die Angst. Aber stimmt das wirklich? Entscheidet allein die Fallhöhe darüber, wie weh der Aufschlag tut?

Ich glaube, das stimmt nicht. Es ist eine Schutzbehauptung, die wir uns einreden, damit wir nicht zu hoch hinaufsteigen. Aber es ist nur eine vermeintliche Sicherheit, keine echte. Es hält uns viel mehr zurück, als dass es uns schützt.

Mich jetzt an diesem Punkt zurückzuziehen verhindert die schlechten Tage auch nicht. Es macht aber die guten Tage unwahrscheinlicher. Und von denen lebt jeder Mensch, ob depressiv oder nicht.

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