Warum ich nicht länger schweige

Don’t go any further.
Don’t go any further – Disillusion

Ich habe Geburtstag, als ich diesen Text schreibe. Den Tag habe ich mir anders vorgestellt.

Ich werde 32 Jahre alt. Fast alles hat sich verändert seit meinem letzten Geburtstag. Ich habe so viele Teile meines Lebens in Frage gestellt und verworfen wie noch nie zuvor. Ich stehe an einem völlig anderen Punkt als noch vor einem Jahr.

Und doch ist eine Sache gleichgeblieben: Ich schweige immer noch.
Und doch ist eine Sache heute anders: Ich will mein Schweigen nicht mehr hinnehmen. Und zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich diesem Wunsch gewachsen.

Das Handy vibriert, während ich schreibe. Er ruft an, zum vierten Mal heute. Zum vierten Mal drücke ich ihn weg. Das habe ich noch nie vorher getan. Habe das Spiel, die größte Lüge meines Lebens immer routiniert mitgespielt.

Nicht heute. Heute setze ich eine Grenze.
Heute werde ich die Machtverhältnisse umdrehen.

Hallo Täter.

Das ist ein Brief an dich, den ich niemals abschicken werde. Nicht etwa, weil ich Angst habe oder einer Konfrontation aus dem Weg gehen will. Sondern weil ich entschieden habe, mich nicht mit dir auseinandersetzen zu müssen. Deine Taten, deine Existenz haben mein Leben schon genug beeinflusst. Das ist jetzt vorbei.

Ich schreibe diesen Brief, weil es an der Zeit ist, mein Schweigen zu brechen.

Ein Schweigen, das du mir auferlegt hast. Als Nebeneffekt der Schuld und der Scham, die deine Taten bei mir ausgelöst haben. Aber auch mit einem ganz konkreten Auftrag.

„Das ist unser Geheimnis“, hast du danach immer gesagt. Einmal waren wir schon fast wieder ganz oben auf der Kellertreppe. Und ich habe genickt, denn das weiß ich doch, ich bin ja nicht dumm, und du sagst es ja jedes Mal wieder. Und ich habe geschwiegen, bis heute.

Unser beider Leben baut auf meinem Schweigen auf. Es ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, es ist mein normal, ich kenne es nicht anders. Es ist maximal radikal, den Gedanken zuzulassen, wie es anders hätte laufen können.

Irgendwo in einem Paralleluniversum habe ich nicht geschwiegen. Dort habe ich das Geheimnis nicht für mich behalten. Und jemand, vielleicht meine Eltern, vielleicht ein Lehrer, hat reagiert. In diesem Universum steht die Polizei vor der Tür und führt dich ab. Du kommst vor Gericht und wirst verurteilt. Verbringst Zeit im Jugendknast, denn strafmündig bist du, und die Zeit dort wird ihre Spuren hinterlassen. Innen wie außen. Danach wird für dich nichts so sein wie zuvor. Ausbildung, Studium, Arbeit, eine solche Vorstrafe begrenzt deine Möglichkeiten ganz gewaltig. Erfolgreich im Job, Geld, Familie? Mit Sicherheit sieht dein Lebensweg anders aus.

Vielleicht ist als Folge meines Nicht-Schweigens der ganze Sumpf, der unsere Familie ist, aufgeflogen. Vielleicht trennen sich unsere Eltern. Vielleicht landen wir alle bei Pflegefamilien.

Ich weiß nicht, ob mich das zu einem anderen Menschen gemacht hätte. Aber dein Leben hätte ganz sicher anders ausgesehen. Was du heute hast, verdankst du allein meinem Schweigen. Ich habe dich vor dem Gefängnis bewahrt. Ich habe dir deine Karriere ermöglicht. Ich habe dir deine Familie ermöglicht.

Ein radikaler Perspektivwechsel. Er führt mir vor Augen, was ich alles für dich getan habe. Und wie anders heute die Machtverhältnisse sind. Denn auch heute noch fühle ich mich so ohnmächtig, wenn ich an das denke, was passiert ist. Weil ich mich als Kind ohnmächtig gefühlt habe.

Dabei bin ich heute in der Machtposition. Ich allein entscheide, was mit unserem Geheimnis passiert. Ich kann das Schweigen jederzeit brechen und dein Leben, wie du es kennst, beenden.

Ich bin mir sicher, dass dir das ganz genau bewusst ist. Und du nicht ohne Grund diese besondere Beziehung, auf der deine Taten aufbauen, bis heute versucht hast aufrecht zu erhalten. Weil es die einzige Waffe, das einzige Druckmittel ist, das dir bleibt.

Aber ich bin kein Kind mehr.
Ich bin dabei, der Angst zu entwachsen.
Weil ich es satthabe, eine Gefangene meiner Vergangenheit zu sein.

Ich habe dir mit meinem Schweigen ein unfassbar großes Geschenk gemacht. Und ich habe nichts dafür bekommen. Mein Leben war die Hölle und es hört erst langsam auf, die Hölle zu sein, weil ich mich daraus befreie. Weil ich das Schweigen breche und mein Dasein als Geheimniswahrer aufkündige.

Ich habe lange geglaubt, ich müsse das aushalten. Müsse dieses Opfer auf mich nehmen für alle anderen. Für den Rest der Familie, aber auch für dich. Ich habe gelitten und mich durch mein Leben gequält mit dieser Last, bin fast draufgegangen dabei, aber ich habe weiter geschwiegen und gedacht, für das größere Wohl ist es das wert. Aber soll ich dir mal was sagen? Das ist es nicht wert. Der einzige, der davon profitiert hat, bist du. Das hast du wirklich clever eingefädelt. Denn du hast mir diesen Irrglauben eingeimpft, ich alleine wäre verantwortlich für das Wohl der anderen. Das hat sich so tief in mir eingebrannt, es ist mein stärkster, mächtigster, schlimmster Glaubenssatz.

Selbst als ich letztes Jahr beschlossen habe, endlich loszulassen und nicht mehr länger so zu tun, als wäre alles gut, selbst da war ich noch nicht bereit, das Geheimnis aufzugeben. Weil ich genau weiß, welche Sprengkraft es hat. Es wird alles verändern, wenn es einmal offen da liegt. Wie genau, das weiß ich nicht. Aber die Angst, danach wäre alles noch schlimmer als jetzt, hat mich bis heute davon abgehalten, mein Schweigen zu brechen. Und genau darauf hast du gesetzt.

Aber weißt du was? Mein Leben ist sowieso kaputt. Im Gegensatz zu dir habe ich nichts zu verlieren. Ich kann nur gewinnen. Kontrolle, Deutungshoheit, Leichtigkeit. Freiheit. Die Chance, mein Leben mit weniger Last auf den Schultern neu zu sortieren.

Und noch viel wichtiger: Wenn alles kaputt geht, ist das nicht meine Schuld. Sondern deine.
Es ist nicht meine Verantwortung, diese Familie zusammenzuhalten. Oder dir das Leben zu ermöglichen, das du führst.

Ich frage mich oft, was für ein Mensch ich wäre, wenn du mir das nicht angetan hättest. Sicher, auch meine Eltern haben ihren Teil zu meinen Problemen beigetragen. Das allein hätte schon gereicht, um mein Leben schwierig zu machen. Und trotzdem, die Hauptverantwortung, das Unentschuldbare, das kommt von dir.

Vielleicht hätte ich dann kein Borderline. Keine PTBS. Keine Depression. Hätte nicht immer wieder Rettung, Bestätigung und verzweifelt Liebe gesucht bei jedem Mann, der mir über den Weg läuft. Wäre dabei nicht retraumatisiert worden. Hätte mein Leben nicht von Ängsten beherrschen lassen. Wäre vielleicht wirklich Journalistin geworden oder Rechtsmedizinerin. Hätte mein volles Potential ausschöpfen können, ohne immer wieder an mir selbst zu scheitern.

Wer weiß, wo ich heute stehen würde.

Aber ich will kein Mensch sein, der zurückblickt und hadert. Ich will nach vorne blicken und den Menschen entdecken, der ich trotz allem sein kann.

Doch um dieser Mensch sein zu können, muss ich mich von der Bürde befreien, die deine Taten mir auferlegt haben. Die das Schweigen mir auferlegt hat.
Ich habe dir ein Vierteljahrhundert geschenkt.
Aber deine Zeit ist abgelaufen. Jetzt fängt meine Zeitrechnung an.

Ich gebe die Verantwortung ab, die ich geglaubt habe, tragen zu müssen. An die Menschen, die mir damals hätten helfen müssen und es nicht getan haben. Ich lege dein Schicksal in ihre Hände und es ist mir egal, was dann damit passiert. Ich breche mein Schweigen und ziehe einen Schlussstrich.

Und gehe weiter, ohne mich umzudrehen.

Kris

 

 

 

 

 

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