Anfangsreflexion

Beating chest and drums
Beating tired bones again
Age-old battle, mine
Weapon out and belly in
Tool – Invincible

Das ist also der Versuch, in Worte zu fassen, worüber ich seit Wochen nicht aktiv nachdenken will. Worüber ich eigentlich schon mein ganzes Leben lang nicht aktiv drüber nachdenke. Schreiben hat für mich schon immer eine therapeutische Wirkung. Ich setze mich an den Schreibtisch, klappe den Laptop oder das Tagebuch auf und fange an. Meistens ohne zu wissen, wo es mich hinführt. Das Schreiben läuft dann wie von selbst und am Ende steht meistens eine Erkenntnis schwarz auf weiß vor mir, die mir vorher so noch gar nicht klar war. Aber bei diesem Thema spüre ich eine Blockade, jedes Mal, wenn ich es versuche.

Vielleicht versuche ich einfach, mich fürs Erste an die Fakten zu halten. Aber da scheitere ich schon an der Frage, wann das hier eigentlich alles angefangen hat. Vor Weihnachten, als ich in der psychiatrischen Notaufnahme stand? Im August 2019, als ich nach monatelangem Durchwürgen endlich zum Arzt ging und mit einer Depression krankgeschrieben wurde? Im Mai, als sich ein guter Freund von mir das Leben nahm? Im November 2018, als ich zum ersten Mal greifen konnte, dass es mir nicht gut ging und ich das dieses Mal wohl nicht wegignorieren können würde? Oder noch viel länger?

Meinem gegenwärtigen Zustand liegt ein Trauma aus meiner Kindheit zugrunde, von dem ich immer wusste, dass es da ist, dem ich aber lange Zeit keine Bedeutung beigemessen habe. Es lag in der Vergangenheit und da konnte es auch bleiben. Es bahnte sich zwar immer mal wieder einen Weg an die Oberfläche, aber ich hatte schon lange gelernt, damit zu leben. Selbst als ich mich als Erwachsene in einer ähnlichen Situation wiederfand. Selbst als ich Flashbacks bekam und zum ersten Mal die heftigen, negativen Gedankenspiralen bemerkte, in die ich immer wieder fiel.

Es bestimmte nicht, wer ich bin, dachte ich.
Ich habe noch nie in meinem Leben so falsch gelegen.
Und diese Fehleinschätzung hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich jetzt bin.

Meine Freunde haben das kommen sehen, und ich irgendwie auch, aber ich habe es nicht geschafft, rechtzeitig auf die Bremse zu treten. Ich bin sehenden Auges und mit Vollkaracho auf den Abgrund zugefahren und habe nur gerade so rechtzeitig den Absprung geschafft, bevor alles endgültig gecrasht ist.

Seitdem fällt das Kartenhaus in sich zusammen, Stück für Stück. Und immer, wenn ich denke, dass ich jetzt am untersten Stockwerk angekommen bin, entdecke ich noch mehr Karten, die ich vorher nie wahrgenommen habe, deren Bedeutung ich nicht verstehe – und die so instabil sind, dass sie sofort zusammenbrechen. Und nach und nach immer mehr freilegen.

Angst.
So. Viel. Angst.
Innere Unruhe.
Druck auf der Brust.
Keinen Appetit.
Permanente innere Alarmbereitschaft.
Müde, so müde.
Fast nichts macht mehr Spaß.
Und fast alles erscheint sinnlos.

Es kostet mich immense Anstrengung, die guten Momente zu erkennen und zu genießen. Es geht noch, auch dank meiner Freunde.  Aber über allem liegt schwer und alles erstickend das Gefühl, vollständig und von Grund auf kaputt zu sein. Und einen riesigen Berg überwinden zu müssen, um auch nur annähernd wieder auf ein Level zu kommen, das sich nicht komplett scheiße anfühlt.

War ich jemals frei von diesen Gefühlen? Ich glaube nicht. Es war nur manchmal leichter, sie wegzudrängen oder zu ignorieren. Das Leben hat so unfassbar viel Schönes zu bieten und ich habe viel davon in mich aufgesogen. Reisen, Konzerte, Orte und Menschen. Ich will das wieder spüren können. Ich weiß, dass es da ist.
Dass da irgendwo Licht am Ende des Tunnels ist, auch wenn ich es gerade nicht sehen kann.
Dass ich als Mensch nicht schlechter bin, egal wie viele Diagnosen und Probleme ich noch entdecke.
Dass ich mehr bin als das, was mir passiert ist. Aber dass es mich geprägt hat und ich das nicht einfach ausblenden kann.

Aber ich bin so am Ende, so down, dass ich entweder gar nichts fühle oder alles zugleich. Und zwischen all dem Überleben, Weitermachen, Durchhalten, Angst haben, Zurückziehen und Verdrängen habe ich mich selbst verloren. Und ich weiß noch nicht, wie ich mich wiederfinden kann. Wer ich eigentlich wirklich bin.

Ich fange klein an, Schritt für Schritt. Der erste Meilenstein: Akzeptieren, dass das hier gerade mein Leben ist, dass dieser Mensch mit all den Problemen, Schwierigkeiten, Ängsten und Hoffnungen wirklich ich ist. Und dass das ok ist.

Ich will fürs erste raus aus diesem Loch, um an den wirklich wichtigen Dingen arbeiten zu können. Also fahre ich wieder in die Klinik, in die Psychiatrie. Hoffe sie nehmen mich auf. Werde Medikamente nehmen und so lange da bleiben wie nötig. Und dann sehen wir weiter.

Ich denke es könnte heilsam sein, eine Ausdrucksform für all diese Dinge zu finden, die mich so sprachlos, hilflos, antriebslos machen. Sprache ist schon immer mein medium of choice gewesen. Ich werde hier auf diesem Blog also festhalten, was ich mache, wohin ich gehe und was das mit mir macht. Psychiatrie, Traumatherapie, Tagesklinik, Reha, was auch immer auf diesem Weg liegt.

Das hier dokumentiert aber nicht zuallererst den Weg zu meiner Heilung. Was immer auch Heilung genau bedeutet und ob das überhaupt möglich ist.

Das ist eine Reise zu mir selbst und zu dem Menschen, der ich wirklich bin.

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