Wer trägt die Verantwortung für das Entlarven einer Lüge?

A war broke out amongst them
And they blamed it on the dragon
Not realising it was their own nature
That would bring about their demise
Now they pray for rain
But I am the coming storm
They pray for forgiveness
But I pray for fire
Oceans of Slumber – Pray for Fire

 

Eine der ersten Aufgaben, die ich von meiner Therapeutin bekommen habe: einen Brief an meine Eltern schreiben. Der Kontaktabbruch beschäftigte mich, natürlich, doch statt zu trauern oder wütend zu sein, fühlte ich wie so oft gar nichts. Braver Patient, der ich immer sein will, setzte ich mich also hin und fing an zu schreiben. Und plötzlich kam eine ganze Menge an Gefühlen zum Vorschein, die bis zu dem Moment, als ich zum Stift griff, irgendwo in mir vergraben gewesen waren. Ich würde diesen Brief niemals abschicken, das wusste ich sofort. Nicht, weil ich nicht zu dem stehe, was ich darin schreibe. Sondern weil ich weiß, dass es vermutlich ohnehin keinen Effekt hat.

 

Hallo Eltern.

Ich habe überhaupt keine Motivation, diesen Brief zu schreiben. Würde viel lieber einfach gar nicht darüber nachdenken, was passiert ist, und nach vorne blicken. Kein Blick zurück, das kann hilfreich sein im Leben, aber manchmal, da ist es auch bloß Verdrängung.

Ich glaube diesen Mechanismus habe ich, wie so vieles, von euch gelernt. Weil bei uns nie zurückgeblickt worden ist. Es gab nie eine Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist. Es wurde alles immer sofort weggedrängt. Jedes schlechte Gefühl, durch die Hoffnung und den irrigen Glauben ersetzt, dass es das letzte Mal gewesen wäre.

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Es ist nicht automatisch alles gut

The thoughts of yesterday forgotten
I like the way this new skin feels
Bring me splinters of tomorrow
Collect the parts where I win
Against the grain
Against the odds
I’ll rise and I won’t trip again
The dawn of a new day never looked
As good as this
In Flames – Dawn of a New Day

Meine Zeit in der psychosomatischen Klinik ist vorbei. Ich sitze zuhause, aber dieses Zuhause ist eines, das erst noch werden muss. Ich bin einmal quer durchs Land gezogen und hier im Norden in eine neue Wohnung, einen Tag, bevor ich in die Klinik gegangen bin, mit ein paar Taschen und sonst nichts. Alles andere lagert in einem Keller weit weg. Und dann kam Corona und mein Umzug ist in weite Ferne gerückt. Jetzt sitze ich hier mit einer Matratze, Campingtisch und Campingstuhl. Völlige Freiheit, aber eben auch – völlige Leere. Der Kontrast zum Klinikleben könnte nicht größer sein.

In der ersten Zeit bin ich voller Energie und Tatendrang. Das Wetter ist großartig, meine Laune ist es auch. Ich plane, schreibe, bewege mich, meine Tage sind voll, es gibt so viel zu tun, so viel nachzuholen.

Aber es dauert nicht lange, bis sich die ersten Dissonanzen einschleichen.

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Retten, das muss ich mich selbst

I have found you in the darkness
I have found you
And here you are
To set a brand new path
To show me all that love means
I was lost, lost at the edge of all reason
And I didn’t know my way,
I’d given up hope
But here you are to set a brand new path
To show me all that love means
When I hold you, I need you
I said forever, and I mean forever
Oceans of Slumber – The Banished Heart

Ich bin ungefähr fünf Jahre alt, es ist Vormittag und ich bin im Kindergarten. Ich bin in der Froschgruppe im Raum ganz am Ende des Flurs. Der Kindergarten ist in einem Bungalow untergebracht, auf der einen Seite verläuft eine große Fensterfront, es ist immer hell. Es muss eine Übergangsjahreszeit sein, denn Gabi trägt einen dunklen, gestrickten Pullover, aber keine Winterschuhe. Gabi ist die Erzieherin, oder Kindergärtnerin, wie wir damals sagen. Gabi hockt am Boden, vor ihr ein anderes Kind, ich weiß nicht mehr, wer. Das Kind weint, es ist hingefallen. Und Gabi tröstet es, umarmt es, hält es fest.

Und ich stehe da und wünsche mir nichts sehnlicher, als auch endlich mal wieder hinzufallen. Mir weh zu tun, ein Knie aufzuschlagen. Damit ich weinen kann. Damit Gabi mich auch umarmt.

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Therapie in Zeiten von Corona II

You won’t affect me, I’m in control
When I take the role of the misanthrope
A well of emotion taking you back
I won’t be shaped
Cause it never ever lasts
Leave me alone
Give me no words to keep
No familiarity
And I won’t be deceived
Soilwork – Long Live the Misanthrope

Im Laufe der Woche verlassen noch einige Mitpatienten die psychosomatische Klinik. Das ganze Wochenende liegt die Angst vor neuen Maßnahmen in der Luft. Unsere Vorahnung wird nicht enttäuscht.

Am Montag dann die Nachricht: Unsere Station wird aufgelöst. Betten frei machen für die COVID-19-Welle. Wir werden nicht nach Hause geschickt, aber auf andere Stationen aufgeteilt. Wie genau es mit den Therapien weitergeht, ist offen.
Zuviel für mich. Ich stürme aus der Morgenrunde und gehe sofort in die Hochanspannung.

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Therapie in Zeiten von Corona

Memory is fiction, so the past is your invention
Catch yourself, self-dissect, how youth outlives age
How beauty shames skill
Prayer is for dependents and wish is for the will
A struggle for independence, a harmless stage
Art gaining post-mortem fame
The Agonist – The Escape

Man lebt hier in der Klinik wie in einer Käseglocke, selbst wenn man draußen Freunde besucht und Nachrichten liest. Und so war es einerseits absehbar, dass wir hier irgendwann auch von der Corona-Pandemie betroffen sein würden – aber als es dann soweit war, hat es sich doch sehr unwirklich angefühlt.

Am Donnerstag ist wie gewohnt Patientenversammlung, wo wir unter anderem die Freizeitaktivität für den Samstag planen. Die Unsicherheit, wie sinnvoll dies in Zeiten von COVID-19 ist, beschäftigt bereits Teile der Gruppe. Auf Nachfrage teilt uns der Pflegestützpunkt allerdings mit, dass vorerst keine besonderen Schutzmaßnahmen für uns gelten würden. Wir planen also.

Freitags überschlagen sich dann die Ereignisse.

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Die psychosomatische Klinik – Programm und Therapie

I’m about to have a nervous breakdown
Mein Kopf tut schon weh und mein Bauch tut’s auch
Dämonen kennen meinen Namen
Ich werd‘ verrückt, bitte hol mich raus
Pascow – Im Raumanzug

Ich bin seit drei Wochen in der psychosomatischen Klinik.

Meine Gedanken rasen und man sollte meinen, dass mir das genug Input geben würde, um Blogbeitrag um Blogbeitrag zu schreiben. Und tatsächlich rauscht Tag für Tag Erkenntnis um Erkenntnis durch meinen Kopf, sodass ich Mühe habe, mitzukommen. Und trotzdem spüre ich eine Blockade, wenn ich versuche, es aufzuschreiben. Es ist, als ob einfach zu viel auf einmal passiert. Und ich bin müde. Müde vom Denken, müde vom Begreifen. Müde von all den Zusammenhängen, die sich mir erschließen auf dieser Reise hinein in mich selbst. Nicht weil ich keine Lust mehr habe, im Gegenteil. Ich will das alles endlich begreifen und anpacken und ich hadere keine Sekunde lang damit, hier zu sein, im Gegensatz zu einigen meiner Mitpatienten. Aber es ist eben auch unfassbar anstrengend, sich die ganze Zeit mit sich selbst zu befassen. Und dabei den schwierigen Themen nicht aus dem Weg zu gehen.

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Ring frei

In spite of making this all I breathe
I’m sitting soulless in moments unforeseen
But I long to feel the breeze
Bound by this disease
Scars to take the place of open channels with no stream
I’ve got the answer
Do I dare to heed?
Monuments – I The Creator

Ich stehe in der ersten Reihe, die Musik umhüllt und durchdringt mich, sie ist so laut, dass alle anderen Reize einfach geblockt werden. Der Sänger schreit, der Rhythmus treibt, die Gitarren frickeln und die Leute um mich herum hüpfen, springen, tanzen.

Erst nicke ich nur mit dem Kopf, dann bewege ich die Finger zur Musik und schließlich den ganzen Körper. Energie wabert durch den Raum, ich singe und schreie und tanze und lasse Dampf ab und nehme die Energie der Musik und der hüpfenden Masse in mich auf. Es ist unheimlich befreiend und bestärkend zugleich, ein Ventil für all die Wut in mir und ein Trost für all den Schmerz.

Es ist wieder Montag, aber das Warten hat ein Ende. Morgen ist es soweit, morgen wird es ernst. Ab morgen darf ich in die psychosomatische Klinik.

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Ein Leben im Zeitraffer

My dear, the concept of „home“ is such a vague notion
As I can’t stay in the same place for more than three days
Once you told me that I’ll never find home without leaving
But now I saw so many places, I at least forgot them all
So I’m lying in my bed, in my house
And all I want to do is to go home
Harakiri for the Sky – Heroin Waltz

Zum letzten Mal bin ich als Einwohner in meiner alten Stadt. Ich war kaum hier in den letzten Monaten. Dennoch fühlt es sich ganz anders an, zu wissen, dass ich theoretisch hätte hier sein können. Dass ich offiziell hier lebe, vom Einwohnermeldeamt bestätigt. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, das zu ändern, und ich glaube, dass diese Entscheidung richtig ist.
Und trotzdem kostet sie mich Kraft, macht mich unendlich traurig.

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Jede Entscheidung ist besser als keine Entscheidung

As the clouds began to gather
Oh I wailed like a newborn babe
And opened the book of bad decisions I have made
Clutch – Book of Bad Decisions

Krank zu sein und etwas daran ändern zu wollen ist ein Vollzeit-Job.
Für jede erledigte Aufgabe, jeden Posten auf der to do-Liste erscheinen umgehend zwei neue. Jeder davon unangenehmer als der vorige. Jeder mit immer schwierigeren Entscheidungen verbunden. Und wenn ich eines nicht kann, dann genau das: Entscheidungen treffen. Ganz egal, ob es um die großen oder die kleinen Dinge geht. Darum, welchen Weg man im Leben gehen will. Oder darum, welches T-Shirt man heute anzieht.

Leider sind die meisten der Entscheidungen, die momentan getroffen werden müssen, deutlich komplexer. Und ich scheitere daran.

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Warten auf Montag

Blue is the colour of my soul
Bad times breaking up my life lines
Now my days are all overcast
And I can’t seem to find my way up on this lonely road
Graveyard – Blue Soul
Entscheidungen zu treffen ist etwas, das mir aus vielen Gründen nicht leichtfällt. Die Depression, die Angst, das Trauma, all das macht manchmal selbst die Wahl zwischen zwischen zwei T-Shirts oder dem Abendessen kompliziert. Leider bin ich gerade in einer Situation, in der ich ständig Entscheidungen treffen muss, die mein ganzes Leben beeinflussen.

Das schwierigste ist aber dennoch nicht die Entscheidung selbst, sondern der Punkt, an dem man eine Entscheidung in die Tat umsetzen muss. Anzurufen. Aufzustehen, sich anzuziehen und das Haus zu verlassen. Die erste Hürde ist immer der Kopf, aber die zweite, oft viel größere, ist der Körper.

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