Ich breche den Kontakt zu meinen Eltern ab

Change is coming
Through my shadow’s shedding skin
Tool – 46 & Two

In den Tagen danach schreibe ich viele Briefe. Der Brief an den Täter ist der einzige, den ich nicht wirklich abschicke. Aber ihn zu schreiben hat die Funktion eines Dammbruchs. Danach brechen die Geheimnisse nur so aus mir heraus. Und ich bin endlich bereit, sie jedem, wirklich jedem zu erzählen. Ganz oben auf der Liste: meine Eltern.

Ich mache das nicht in der Hoffnung, etwas reparieren zu können oder etwas wiederzubekommen. Ich glaube nicht an ein Happy End. Ich bin mir im Gegenteil ziemlich sicher, dass das, was ich jetzt tue, einen Kontaktabbruch zur Folge hat.

Ich tue es trotzdem.

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Warum ich nicht länger schweige

Don’t go any further.
Don’t go any further – Disillusion

Ich habe Geburtstag, als ich diesen Text schreibe. Den Tag habe ich mir anders vorgestellt.

Ich werde 32 Jahre alt. Fast alles hat sich verändert seit meinem letzten Geburtstag. Ich habe so viele Teile meines Lebens in Frage gestellt und verworfen wie noch nie zuvor. Ich stehe an einem völlig anderen Punkt als noch vor einem Jahr.

Und doch ist eine Sache gleichgeblieben: Ich schweige immer noch.
Und doch ist eine Sache heute anders: Ich will mein Schweigen nicht mehr hinnehmen. Und zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich diesem Wunsch gewachsen.

Das Handy vibriert, während ich schreibe. Er ruft an, zum vierten Mal heute. Zum vierten Mal drücke ich ihn weg. Das habe ich noch nie vorher getan. Habe das Spiel, die größte Lüge meines Lebens immer routiniert mitgespielt.

Nicht heute. Heute setze ich eine Grenze.
Heute werde ich die Machtverhältnisse umdrehen.

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Es ist nicht automatisch alles gut

The thoughts of yesterday forgotten
I like the way this new skin feels
Bring me splinters of tomorrow
Collect the parts where I win
Against the grain
Against the odds
I’ll rise and I won’t trip again
The dawn of a new day never looked
As good as this
In Flames – Dawn of a New Day

Meine Zeit in der psychosomatischen Klinik ist vorbei. Ich sitze zuhause, aber dieses Zuhause ist eines, das erst noch werden muss. Ich bin einmal quer durchs Land gezogen und hier im Norden in eine neue Wohnung, einen Tag, bevor ich in die Klinik gegangen bin, mit ein paar Taschen und sonst nichts. Alles andere lagert in einem Keller weit weg. Und dann kam Corona und mein Umzug ist in weite Ferne gerückt. Jetzt sitze ich hier mit einer Matratze, Campingtisch und Campingstuhl. Völlige Freiheit, aber eben auch – völlige Leere. Der Kontrast zum Klinikleben könnte nicht größer sein.

In der ersten Zeit bin ich voller Energie und Tatendrang. Das Wetter ist großartig, meine Laune ist es auch. Ich plane, schreibe, bewege mich, meine Tage sind voll, es gibt so viel zu tun, so viel nachzuholen.

Aber es dauert nicht lange, bis sich die ersten Dissonanzen einschleichen.

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Da, wo die Angst ist, geht es lang

Now, contagion I exhale you
The deceiver says, he says
You belong to me
You don’t wanna breathe the light of the others
Fear the light, fear the breath, fear the others for eternity
But I hear them now inhale the clarity
Hear the venom, the venom in
What you say inoculated
Bless this immunity
Exhale, expel
Recast my tale
Read my allegorical elegy
Tool – Fear Inoculum

Der wichtigste Satz, die größte Erkenntnis fällt gleich zu Beginn meiner Zeit in der Klinik, direkt in der ersten Gruppentherapie. Es geht um Angst, um Vermeidung, und um Strategien dagegen.

Ich bin noch damit beschäftigt, überhaupt hier anzukommen und überfordert von den vielen neuen Eindrücken. Aber ein Satz der Therapeutin, die die Gruppe leitet, resoniert noch Wochen später in mir.

Da, wo die Angst ist, geht es lang.

Therapie in a nutshell. Vielleicht sogar das Leben in a nutshell.

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Therapie in Zeiten von Corona

Memory is fiction, so the past is your invention
Catch yourself, self-dissect, how youth outlives age
How beauty shames skill
Prayer is for dependents and wish is for the will
A struggle for independence, a harmless stage
Art gaining post-mortem fame
The Agonist – The Escape

Man lebt hier in der Klinik wie in einer Käseglocke, selbst wenn man draußen Freunde besucht und Nachrichten liest. Und so war es einerseits absehbar, dass wir hier irgendwann auch von der Corona-Pandemie betroffen sein würden – aber als es dann soweit war, hat es sich doch sehr unwirklich angefühlt.

Am Donnerstag ist wie gewohnt Patientenversammlung, wo wir unter anderem die Freizeitaktivität für den Samstag planen. Die Unsicherheit, wie sinnvoll dies in Zeiten von COVID-19 ist, beschäftigt bereits Teile der Gruppe. Auf Nachfrage teilt uns der Pflegestützpunkt allerdings mit, dass vorerst keine besonderen Schutzmaßnahmen für uns gelten würden. Wir planen also.

Freitags überschlagen sich dann die Ereignisse.

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Die psychosomatische Klinik – Programm und Therapie

I’m about to have a nervous breakdown
Mein Kopf tut schon weh und mein Bauch tut’s auch
Dämonen kennen meinen Namen
Ich werd‘ verrückt, bitte hol mich raus
Pascow – Im Raumanzug

Ich bin seit drei Wochen in der psychosomatischen Klinik.

Meine Gedanken rasen und man sollte meinen, dass mir das genug Input geben würde, um Blogbeitrag um Blogbeitrag zu schreiben. Und tatsächlich rauscht Tag für Tag Erkenntnis um Erkenntnis durch meinen Kopf, sodass ich Mühe habe, mitzukommen. Und trotzdem spüre ich eine Blockade, wenn ich versuche, es aufzuschreiben. Es ist, als ob einfach zu viel auf einmal passiert. Und ich bin müde. Müde vom Denken, müde vom Begreifen. Müde von all den Zusammenhängen, die sich mir erschließen auf dieser Reise hinein in mich selbst. Nicht weil ich keine Lust mehr habe, im Gegenteil. Ich will das alles endlich begreifen und anpacken und ich hadere keine Sekunde lang damit, hier zu sein, im Gegensatz zu einigen meiner Mitpatienten. Aber es ist eben auch unfassbar anstrengend, sich die ganze Zeit mit sich selbst zu befassen. Und dabei den schwierigen Themen nicht aus dem Weg zu gehen.

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Ring frei

In spite of making this all I breathe
I’m sitting soulless in moments unforeseen
But I long to feel the breeze
Bound by this disease
Scars to take the place of open channels with no stream
I’ve got the answer
Do I dare to heed?
Monuments – I The Creator

Ich stehe in der ersten Reihe, die Musik umhüllt und durchdringt mich, sie ist so laut, dass alle anderen Reize einfach geblockt werden. Der Sänger schreit, der Rhythmus treibt, die Gitarren frickeln und die Leute um mich herum hüpfen, springen, tanzen.

Erst nicke ich nur mit dem Kopf, dann bewege ich die Finger zur Musik und schließlich den ganzen Körper. Energie wabert durch den Raum, ich singe und schreie und tanze und lasse Dampf ab und nehme die Energie der Musik und der hüpfenden Masse in mich auf. Es ist unheimlich befreiend und bestärkend zugleich, ein Ventil für all die Wut in mir und ein Trost für all den Schmerz.

Es ist wieder Montag, aber das Warten hat ein Ende. Morgen ist es soweit, morgen wird es ernst. Ab morgen darf ich in die psychosomatische Klinik.

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Jede Entscheidung ist besser als keine Entscheidung

As the clouds began to gather
Oh I wailed like a newborn babe
And opened the book of bad decisions I have made
Clutch – Book of Bad Decisions

Krank zu sein und etwas daran ändern zu wollen ist ein Vollzeit-Job.
Für jede erledigte Aufgabe, jeden Posten auf der to do-Liste erscheinen umgehend zwei neue. Jeder davon unangenehmer als der vorige. Jeder mit immer schwierigeren Entscheidungen verbunden. Und wenn ich eines nicht kann, dann genau das: Entscheidungen treffen. Ganz egal, ob es um die großen oder die kleinen Dinge geht. Darum, welchen Weg man im Leben gehen will. Oder darum, welches T-Shirt man heute anzieht.

Leider sind die meisten der Entscheidungen, die momentan getroffen werden müssen, deutlich komplexer. Und ich scheitere daran.

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Anfangsreflexion

Beating chest and drums
Beating tired bones again
Age-old battle, mine
Weapon out and belly in
Tool – Invincible

Das ist also der Versuch, in Worte zu fassen, worüber ich seit Wochen nicht aktiv nachdenken will. Worüber ich eigentlich schon mein ganzes Leben lang nicht aktiv drüber nachdenke. Schreiben hat für mich schon immer eine therapeutische Wirkung. Ich setze mich an den Schreibtisch, klappe den Laptop oder das Tagebuch auf und fange an. Meistens ohne zu wissen, wo es mich hinführt. Das Schreiben läuft dann wie von selbst und am Ende steht meistens eine Erkenntnis schwarz auf weiß vor mir, die mir vorher so noch gar nicht klar war. Aber bei diesem Thema spüre ich eine Blockade, jedes Mal, wenn ich es versuche.

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