Weil ich es muss

They say it’s an old place
With ancient tales
Of violence and war
Passion and soul
But I’ve seen the West bleed into the East
Like a slow breeze
Blowing ripples of hope
And I know I could get lost for life
Inside these stories I’ve heard
Cause it all just shows that what we know
Is just the tip, the tip, the tip of the iceberg

We never learned to use a compass
We never learned to read these maps
We always yearned for far-off countries
We never found a straight way back
And it’s a miracle
We found true north
Tina Dico – True North

 

Auf meinen letzten Beitrag zum Kontaktabbruch zu meinen Eltern habe ich unerwartete Reaktionen bekommen. Meine Familie meldete sich in den Kommentaren zu Wort. Mit noch mehr Schuldzuweisungen. Und natürlich dem Vorwurf, ich hätte diesen Konflikt in die Öffentlichkeit gezogen. Ich habe nicht vor, mich dahingehend zu rechtfertigen. Aber natürlich bekomme ich die Frage öfters zu hören: Warum mache ich das eigentlich alles?

Berechtigte Frage. Als ob es nicht schon genug Arbeit wäre, eine Therapie zu machen. Oder einfach nur irgendwie weiterzuleben. Und immer wieder brauche ich all meine Kräfte genau dafür. Dann passiert hier wochen- oder monatelang nichts. Aber ich komme immer wieder an den Punkt, an dem mein Mitteilungsbedürfnis, mein Sendungsbewusstsein stärker ist. Weil ich der festen Überzeugung bin, dass das Private politisch ist.

Sexuelle Gewalt ist Thema mit enormer gesellschaftlicher Relevanz. Weil sie stattfindet, überall, immer wieder. Sexuelle Gewalt ist nicht das, was anderen passiert. Statistisch sind ein bis zwei Kinder pro Schulklasse davon betroffen. Das heißt: Die Wahrscheinlichkeit, dass jeder jemanden kennt, dem das passiert ist, ist verdammt hoch.

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Wer trägt die Verantwortung für das Entlarven einer Lüge?

A war broke out amongst them
And they blamed it on the dragon
Not realising it was their own nature
That would bring about their demise
Now they pray for rain
But I am the coming storm
They pray for forgiveness
But I pray for fire
Oceans of Slumber – Pray for Fire

 

Eine der ersten Aufgaben, die ich von meiner Therapeutin bekommen habe: einen Brief an meine Eltern schreiben. Der Kontaktabbruch beschäftigte mich, natürlich, doch statt zu trauern oder wütend zu sein, fühlte ich wie so oft gar nichts. Braver Patient, der ich immer sein will, setzte ich mich also hin und fing an zu schreiben. Und plötzlich kam eine ganze Menge an Gefühlen zum Vorschein, die bis zu dem Moment, als ich zum Stift griff, irgendwo in mir vergraben gewesen waren. Ich würde diesen Brief niemals abschicken, das wusste ich sofort. Nicht, weil ich nicht zu dem stehe, was ich darin schreibe. Sondern weil ich weiß, dass es vermutlich ohnehin keinen Effekt hat.

 

Hallo Eltern.

Ich habe überhaupt keine Motivation, diesen Brief zu schreiben. Würde viel lieber einfach gar nicht darüber nachdenken, was passiert ist, und nach vorne blicken. Kein Blick zurück, das kann hilfreich sein im Leben, aber manchmal, da ist es auch bloß Verdrängung.

Ich glaube diesen Mechanismus habe ich, wie so vieles, von euch gelernt. Weil bei uns nie zurückgeblickt worden ist. Es gab nie eine Auseinandersetzung mit dem, was passiert ist. Es wurde alles immer sofort weggedrängt. Jedes schlechte Gefühl, durch die Hoffnung und den irrigen Glauben ersetzt, dass es das letzte Mal gewesen wäre.

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Ich breche den Kontakt zu meinen Eltern ab

Change is coming
Through my shadow’s shedding skin
Tool – 46 & Two

In den Tagen danach schreibe ich viele Briefe. Der Brief an den Täter ist der einzige, den ich nicht wirklich abschicke. Aber ihn zu schreiben hat die Funktion eines Dammbruchs. Danach brechen die Geheimnisse nur so aus mir heraus. Und ich bin endlich bereit, sie jedem, wirklich jedem zu erzählen. Ganz oben auf der Liste: meine Eltern.

Ich mache das nicht in der Hoffnung, etwas reparieren zu können oder etwas wiederzubekommen. Ich glaube nicht an ein Happy End. Ich bin mir im Gegenteil ziemlich sicher, dass das, was ich jetzt tue, einen Kontaktabbruch zur Folge hat.

Ich tue es trotzdem.

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Warum ich nicht länger schweige

Don’t go any further.
Don’t go any further – Disillusion

Ich habe Geburtstag, als ich diesen Text schreibe. Den Tag habe ich mir anders vorgestellt.

Ich werde 32 Jahre alt. Fast alles hat sich verändert seit meinem letzten Geburtstag. Ich habe so viele Teile meines Lebens in Frage gestellt und verworfen wie noch nie zuvor. Ich stehe an einem völlig anderen Punkt als noch vor einem Jahr.

Und doch ist eine Sache gleichgeblieben: Ich schweige immer noch.
Und doch ist eine Sache heute anders: Ich will mein Schweigen nicht mehr hinnehmen. Und zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich diesem Wunsch gewachsen.

Das Handy vibriert, während ich schreibe. Er ruft an, zum vierten Mal heute. Zum vierten Mal drücke ich ihn weg. Das habe ich noch nie vorher getan. Habe das Spiel, die größte Lüge meines Lebens immer routiniert mitgespielt.

Nicht heute. Heute setze ich eine Grenze.
Heute werde ich die Machtverhältnisse umdrehen.

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Retten, das muss ich mich selbst

I have found you in the darkness
I have found you
And here you are
To set a brand new path
To show me all that love means
I was lost, lost at the edge of all reason
And I didn’t know my way,
I’d given up hope
But here you are to set a brand new path
To show me all that love means
When I hold you, I need you
I said forever, and I mean forever
Oceans of Slumber – The Banished Heart

Ich bin ungefähr fünf Jahre alt, es ist Vormittag und ich bin im Kindergarten. Ich bin in der Froschgruppe im Raum ganz am Ende des Flurs. Der Kindergarten ist in einem Bungalow untergebracht, auf der einen Seite verläuft eine große Fensterfront, es ist immer hell. Es muss eine Übergangsjahreszeit sein, denn Gabi trägt einen dunklen, gestrickten Pullover, aber keine Winterschuhe. Gabi ist die Erzieherin, oder Kindergärtnerin, wie wir damals sagen. Gabi hockt am Boden, vor ihr ein anderes Kind, ich weiß nicht mehr, wer. Das Kind weint, es ist hingefallen. Und Gabi tröstet es, umarmt es, hält es fest.

Und ich stehe da und wünsche mir nichts sehnlicher, als auch endlich mal wieder hinzufallen. Mir weh zu tun, ein Knie aufzuschlagen. Damit ich weinen kann. Damit Gabi mich auch umarmt.

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Da, wo die Angst ist, geht es lang

Now, contagion I exhale you
The deceiver says, he says
You belong to me
You don’t wanna breathe the light of the others
Fear the light, fear the breath, fear the others for eternity
But I hear them now inhale the clarity
Hear the venom, the venom in
What you say inoculated
Bless this immunity
Exhale, expel
Recast my tale
Read my allegorical elegy
Tool – Fear Inoculum

Der wichtigste Satz, die größte Erkenntnis fällt gleich zu Beginn meiner Zeit in der Klinik, direkt in der ersten Gruppentherapie. Es geht um Angst, um Vermeidung, und um Strategien dagegen.

Ich bin noch damit beschäftigt, überhaupt hier anzukommen und überfordert von den vielen neuen Eindrücken. Aber ein Satz der Therapeutin, die die Gruppe leitet, resoniert noch Wochen später in mir.

Da, wo die Angst ist, geht es lang.

Therapie in a nutshell. Vielleicht sogar das Leben in a nutshell.

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Es hat einen Namen und er lautet Borderline

Feels like I was born with a black hole as a soul
Devouting all the light
Chaos engine inside
Feels like I wasn’t meant to be nothing more than a stranger to all
Every loved one now and before
I will miss you all
I am waiting in silence the darkness to come on my way
Before The Dawn – …

Manchmal treffen einen die bahnbrechenden Veränderungen mit der Wucht einer Wand, die aus dem Nichts vor einem auftaucht und sich einem in den Weg stellt.

Manchmal schleichen sich die bahnbrechenden Veränderungen ein und es ist ein langsamer, vorsichtiger Prozess, der sich nach und nach in seiner Bedeutung aufbaut. Am Ende sind die Auswirkungen oft die gleichen, nur taumelt man mehr, wenn man es nicht hat kommen sehen.

Die Diagnose Borderline hat sich leise angeschlichen, aber zumindest hat sie vorab immer mal wieder durchblicken lassen, dass da etwas ist, etwas wartet, etwas sein könnte. Und jedes Mal, wenn sie aufgeblitzt ist, hat sie etwas von ihrem Schrecken verloren.

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Therapie in Zeiten von Corona II

You won’t affect me, I’m in control
When I take the role of the misanthrope
A well of emotion taking you back
I won’t be shaped
Cause it never ever lasts
Leave me alone
Give me no words to keep
No familiarity
And I won’t be deceived
Soilwork – Long Live the Misanthrope

Im Laufe der Woche verlassen noch einige Mitpatienten die psychosomatische Klinik. Das ganze Wochenende liegt die Angst vor neuen Maßnahmen in der Luft. Unsere Vorahnung wird nicht enttäuscht.

Am Montag dann die Nachricht: Unsere Station wird aufgelöst. Betten frei machen für die COVID-19-Welle. Wir werden nicht nach Hause geschickt, aber auf andere Stationen aufgeteilt. Wie genau es mit den Therapien weitergeht, ist offen.
Zuviel für mich. Ich stürme aus der Morgenrunde und gehe sofort in die Hochanspannung.

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Therapie in Zeiten von Corona

Memory is fiction, so the past is your invention
Catch yourself, self-dissect, how youth outlives age
How beauty shames skill
Prayer is for dependents and wish is for the will
A struggle for independence, a harmless stage
Art gaining post-mortem fame
The Agonist – The Escape

Man lebt hier in der Klinik wie in einer Käseglocke, selbst wenn man draußen Freunde besucht und Nachrichten liest. Und so war es einerseits absehbar, dass wir hier irgendwann auch von der Corona-Pandemie betroffen sein würden – aber als es dann soweit war, hat es sich doch sehr unwirklich angefühlt.

Am Donnerstag ist wie gewohnt Patientenversammlung, wo wir unter anderem die Freizeitaktivität für den Samstag planen. Die Unsicherheit, wie sinnvoll dies in Zeiten von COVID-19 ist, beschäftigt bereits Teile der Gruppe. Auf Nachfrage teilt uns der Pflegestützpunkt allerdings mit, dass vorerst keine besonderen Schutzmaßnahmen für uns gelten würden. Wir planen also.

Freitags überschlagen sich dann die Ereignisse.

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Die psychosomatische Klinik – Programm und Therapie

I’m about to have a nervous breakdown
Mein Kopf tut schon weh und mein Bauch tut’s auch
Dämonen kennen meinen Namen
Ich werd‘ verrückt, bitte hol mich raus
Pascow – Im Raumanzug

Ich bin seit drei Wochen in der psychosomatischen Klinik.

Meine Gedanken rasen und man sollte meinen, dass mir das genug Input geben würde, um Blogbeitrag um Blogbeitrag zu schreiben. Und tatsächlich rauscht Tag für Tag Erkenntnis um Erkenntnis durch meinen Kopf, sodass ich Mühe habe, mitzukommen. Und trotzdem spüre ich eine Blockade, wenn ich versuche, es aufzuschreiben. Es ist, als ob einfach zu viel auf einmal passiert. Und ich bin müde. Müde vom Denken, müde vom Begreifen. Müde von all den Zusammenhängen, die sich mir erschließen auf dieser Reise hinein in mich selbst. Nicht weil ich keine Lust mehr habe, im Gegenteil. Ich will das alles endlich begreifen und anpacken und ich hadere keine Sekunde lang damit, hier zu sein, im Gegensatz zu einigen meiner Mitpatienten. Aber es ist eben auch unfassbar anstrengend, sich die ganze Zeit mit sich selbst zu befassen. Und dabei den schwierigen Themen nicht aus dem Weg zu gehen.

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