Ich breche den Kontakt zu meinen Eltern ab

Change is coming
Through my shadow’s shedding skin
Tool – 46 & Two

In den Tagen danach schreibe ich viele Briefe. Der Brief an den Täter ist der einzige, den ich nicht wirklich abschicke. Aber ihn zu schreiben hat die Funktion eines Dammbruchs. Danach brechen die Geheimnisse nur so aus mir heraus. Und ich bin endlich bereit, sie jedem, wirklich jedem zu erzählen. Ganz oben auf der Liste: meine Eltern.

Ich mache das nicht in der Hoffnung, etwas reparieren zu können oder etwas wiederzubekommen. Ich glaube nicht an ein Happy End. Ich bin mir im Gegenteil ziemlich sicher, dass das, was ich jetzt tue, einen Kontaktabbruch zur Folge hat.

Ich tue es trotzdem.

Ich bereite meine Offenbarung an meine Eltern generalstabsmäßig vor. Schreibe eine lange Nachricht an meine Geschwister. Will ausdrücken, wie sehr ich sie liebe, aber auch klarmachen, warum ich so leide. Keine Geheimnisse mehr.
Schreibe an die Frau des Täters. Überlasse ihr die Entscheidung, das Geheimnis in Erfahrung bringen zu wollen oder nicht.
Ganz zum Schluss eine Nachricht an meine Eltern, mit zitternden Händen, die mir kaum noch gehorchen, aber sie zittern nicht vor Angst, sie zittern vor Wut. Die Nachricht ist voller Tippfehler, aber sie sitzt, sie ist mächtig. Ich weiß, was sie auslösen wird. Und ich meine jedes einzelne Wort.

Über WhatsApp erreichen mich Nachrichten meiner Freunde. Wir sind für dich da. Wir unterstützen dich. Du tust das richtige.
Ich rauche eine Zigarette, die erste seit Monaten, sitze auf dem Balkon, starre in den Himmel, bin aufgewühlt und gleichzeitig glasklar im Kopf.
Das ist der Moment.
Jetzt oder nie.
Es ist hart, unfassbar hart, aber ich dissoziiere nicht. Bleibe im hier und jetzt.
Weiß ich will das. Ich kann das.
Und dann drücke ich den roten Knopf.
Und die Welt implodiert.

Seltsamerweise ist es nicht meine Welt. Meine Welt bleibt ganz. Vielleicht wird meine Welt sogar erst in diesem Moment zum ersten Mal wirklich ganz. Trotzdem hyperventiliere ich, unterdrücke die Panik, schalte das Handy aus, verlasse wie fremdgesteuert die Wohnung, springe ins Auto, suche mit Mühe nach einem Song und fahre die zehn Minuten rüber in die WG. Und komme an. Und lasse los.

 

„Haben Sie das in der Klinik vorbereitet?“, fragt mich die Therapeutin einige Wochen später im Erstgespräch.

Nein. In der Klinik hat diese Vorstellung noch instant Dissoziation und dunkelste Gedankenimpulse ausgelöst. Die Vorstellung war zu groß, zu allumfassend, zu undenkbar.
Und dann, auf einmal, war sie es nicht mehr.
Und als ich mal wieder in eine Situation gekommen bin, in der meine Grenzen dabei waren, überschritten zu werden, war ich in der Lage, zu handeln.

Ich hatte mir die Konfrontation mit meinen Eltern ganz anders vorgestellt. Ich wollte das nicht über das Handy machen. Ich hätte ihnen gern ins Gesicht geschaut, hätte ihre Reaktion beobachten wollen. Gibt es da Bedauern? Schuldbewusstsein? Blitzt da vielleicht das Zugeständnis auf, etwas gewusst zu haben? Ich hätte gerne selbst entschieden, wann es soweit ist, offenzulegen, was eigentlich mit mir los ist.

Aber so kommt es nicht. Es fängt an meinem Geburtstag an. Ein Telefonat, Gratulation. Und dann auf einmal – Vorwürfe. Ich bekomme einmal mehr nicht die Unterstützung, die ich brauche, sondern stattdessen Schuldgefühle.
Ich lege auf.

Dieses Telefonat löst etwas in mir aus. Ich spüre, dass sich etwas verändert hat. In mir selbst, aber auch bei meinen Eltern. Ich spüre eine Nervosität bei ihnen, die ich schon wahrnehme, seitdem ich krankgeschrieben bin. Sie wollen wissen, was los ist, aber sie trauen sich nicht zu fragen. Es wirkt, als sitzen sie auf Kohlen. Sie versuchen es mit den alten Methoden, aber ich merke, dass die nicht mehr greifen. Spüre den Umbruch, der bevorsteht. Also bereite ich alles vor. Entscheide mich, endlich reinen Tisch zu machen.
Und warte.

Lange dauert es nicht. Nur zwei Tage später werde ich erneut mit Nachrichten konfrontiert. Ich habe eine Verantwortung meiner Familie gegenüber. Ich sei es ihnen schuldig zu sagen, was mit mir los ist. Meine Freunde, Therapeuten, wüssten es ja auch alle. Aber meine Eltern, die so viel für mich getan hätten, die wüssten es nicht.
Darauf hätte ich auf einer rein argumentativen Ebene jede Menge potentielle Antworten. Aber ich weiß, dass diskutieren sinnlos ist, weil meinen Vater ohnehin keine Argumente erreichen. Ich wehre mich trotzdem, aber immer noch defensiv. Will ihnen einen Ausweg geben. Schreibe wortwörtlich: Ich werde schon noch erzählen, was mit mir los ist, wenn ich dazu bereit bin.
Aber was ich will, das zählt nicht, das sagt mein Vater sehr deutlich.
Ich sage: Du bist gar nicht bereit für die Wahrheit.
Aber er ist nicht aufzuhalten in seiner vermeintlich rechtschaffenen Wut. Er präsentiert sich als genau der Mensch, der ganz maßgeblich zu meiner Situation beigetragen hat. Und das gibt mir das letzte Quäntchen an Bestätigung, das noch gefehlt hat. Also sage ich ihm die Wahrheit. Gebe ihm, was er fordert. Obwohl ich ganz genau weiß, dass es das Letzte ist, was er hören will. Es ist genau das, wovor er am meisten Angst hat.
Letztlich habe ich doch selbst entschieden, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist.

Irgendwann mache ich mein Handy wieder an. Ja, da unten im Süden ist die Welt implodiert. Aber tatsächlich hat das keine Auswirkungen auf meine Welt. Mein Vater schickt einen so absurden Text, dass man eigentlich nur darüber lachen kann. Meine Mutter sagt gar nichts. Ihre Reaktionen sind so out of order, dass dieser Blogartikel nicht davon profitiert, sie hier wiederzugeben.

Klar ist: Ich habe von dieser Seite aus keine Unterstützung zu erwarten.
Damit habe ich auch nicht gerechnet.
Ich blockiere meine Eltern auf WhatsApp.
Und hake endlich, endlich mit diesem Kapitel ab.

In den nächsten Wochen geschieht etwas seltsames.
Es geht mir gut.
Ich habe immer gewusst, dass es eines Tages auf eine solche Situation hinauslaufen würde. Und natürlich tut mir das leid, natürlich sind meine Eltern nicht nur schlechte Menschen, natürlich sind sie auch nur Opfer ihrer Umstände. Natürlich hätte ich mir etwas anderes gewünscht.

Wer wünscht sich das nicht – das Happy End, alle glauben einem, man umarmt sich und alles wird gut? Aber das Leben funktioniert so nicht. Meine Familie funktioniert so nicht. Und wenn ich radikal ehrlich bin, hat das etwas Erleichterndes. Denn diese krasse Reaktion bestätigt das Gefühl, das ich schon mein ganzes Leben in Bezug auf meine Eltern hatte. Dass etwas ganz grundsätzlich falsch gelaufen ist. Hätten sie jetzt auf einmal mit Unterstützung reagiert, hätte ich mich schnell hinterfragt, ob meine Gefühle überhaupt eine Berechtigung haben.

So aber ist klar: das haben sie. Es geht mir nicht umsonst so, wie es mir geht. Der Missbrauch ist eine Sache. Vernachlässigung, Invalidierung, Grenzüberschreitung eine andere. Alles zusammen hat mich zu dem Menschen mit den Problemen gemacht, der ich heute bin.

Und noch etwas merke ich: Ich habe keine Angst mehr. Obwohl das Große Geheimnis an der Öffentlichkeit ist. Ich nicht weiß, was das auslöst. Eine große Ungewissheit, eigentlich. Aber so fühlt es sich nicht an. Ich fühle mich wie ein einziges wandelndes Klischee. Leicht, frei, das sind so die Worte, die mir einfallen. Große und wirklich abgenutzte Worte, aber sie passen verdammt nochmal so gut, dass ich sie aufschreiben muss, wenn ich bei der Wahrheit bleiben will. Ich hätte das nicht gedacht.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Hoch so nicht komplett von Dauer sein wird. Emotionen erreichen mich meist auf Umwegen, habe ich vor Jahren in mein Tagebuch geschrieben. Das ist immer noch wahr. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass egal was kommt, es nicht mehr so tief gehen kann, wie ich schon war. Dass die Kurve grundsätzlich nach oben geht. Und der Kontaktabbruch zu meinen Eltern ein riesiger Schritt nach vorne ist. Auch wenn mir klar ist, dass dieses Kapitel noch lange nicht abgeschlossen sein wird. Auch wenn mich die volle Tragweite dieser Entscheidung sicher noch treffen wird.

 

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2 Kommentare

  1. Auch wenn du eine für mich vollkommen krasse Situation beschreibst, ist es für dein Leben doch genau das Richtige. Ich möchte dich zu deinem Erfolg beglückwünschen. Im letzten Dreivierteljahr hast du einen gewaltigen Umschwung – nicht über dich ergehen lassen, sondern selbst gestaltet. Alle Nachrichten, die ich von dir lese, zeigen ganz eindeutig, dass du die Kontrolle über dein Leben übernommen hast. Du setzt das Tempo und du setzt die Ziele. Du wählst die Umstände und du triffst die Entscheidungen. Es ist gewiss nicht alles perfekt und rosig und deshalb scheint es nicht wirklich gut zu sein, aber es riecht nach Erfolg – es riecht nach Sieg! Und er gehört dir! Von ganzem Herzen: Glückwunsch! Man mag deine Erfolge kleinreden oder geringschätzen, aber die Veränderung, die du bei dir bewirkt hast, kann dir keiner nehmen. Und nach meiner Erfahrung ist das das richtige Fundament, um durchzuhalten und weiterzugehen. Viel Erfolg!

    1. Ich danke dir. Das ist eine wertvolle Rückmeldung für mich. So fühlt es sich für mich auch an, aber es ist nicht immer leicht, mich selbst von oben zu betrachten und meine Gesamtsituation und die Außenwirkung zu überblicken. Ich setze einfach einen Schritt vor den anderen und hoffe, dabei in die richtige Richtung zu gehen. Es freut mich sehr, dass das klappt, und dass man das merkt.

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