Die psychosomatische Klinik – Programm und Therapie

I’m about to have a nervous breakdown
Mein Kopf tut schon weh und mein Bauch tut’s auch
Dämonen kennen meinen Namen
Ich werd‘ verrückt, bitte hol mich raus
Pascow – Im Raumanzug

Ich bin seit drei Wochen in der psychosomatischen Klinik.

Meine Gedanken rasen und man sollte meinen, dass mir das genug Input geben würde, um Blogbeitrag um Blogbeitrag zu schreiben. Und tatsächlich rauscht Tag für Tag Erkenntnis um Erkenntnis durch meinen Kopf, sodass ich Mühe habe, mitzukommen. Und trotzdem spüre ich eine Blockade, wenn ich versuche, es aufzuschreiben. Es ist, als ob einfach zu viel auf einmal passiert. Und ich bin müde. Müde vom Denken, müde vom Begreifen. Müde von all den Zusammenhängen, die sich mir erschließen auf dieser Reise hinein in mich selbst. Nicht weil ich keine Lust mehr habe, im Gegenteil. Ich will das alles endlich begreifen und anpacken und ich hadere keine Sekunde lang damit, hier zu sein, im Gegensatz zu einigen meiner Mitpatienten. Aber es ist eben auch unfassbar anstrengend, sich die ganze Zeit mit sich selbst zu befassen. Und dabei den schwierigen Themen nicht aus dem Weg zu gehen.

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Ring frei

In spite of making this all I breathe
I’m sitting soulless in moments unforeseen
But I long to feel the breeze
Bound by this disease
Scars to take the place of open channels with no stream
I’ve got the answer
Do I dare to heed?
Monuments – I The Creator

Ich stehe in der ersten Reihe, die Musik umhüllt und durchdringt mich, sie ist so laut, dass alle anderen Reize einfach geblockt werden. Der Sänger schreit, der Rhythmus treibt, die Gitarren frickeln und die Leute um mich herum hüpfen, springen, tanzen.

Erst nicke ich nur mit dem Kopf, dann bewege ich die Finger zur Musik und schließlich den ganzen Körper. Energie wabert durch den Raum, ich singe und schreie und tanze und lasse Dampf ab und nehme die Energie der Musik und der hüpfenden Masse in mich auf. Es ist unheimlich befreiend und bestärkend zugleich, ein Ventil für all die Wut in mir und ein Trost für all den Schmerz.

Es ist wieder Montag, aber das Warten hat ein Ende. Morgen ist es soweit, morgen wird es ernst. Ab morgen darf ich in die psychosomatische Klinik.

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Ein Leben im Zeitraffer

My dear, the concept of „home“ is such a vague notion
As I can’t stay in the same place for more than three days
Once you told me that I’ll never find home without leaving
But now I saw so many places, I at least forgot them all
So I’m lying in my bed, in my house
And all I want to do is to go home
Harakiri for the Sky – Heroin Waltz

Zum letzten Mal bin ich als Einwohner in meiner alten Stadt. Ich war kaum hier in den letzten Monaten. Dennoch fühlt es sich ganz anders an, zu wissen, dass ich theoretisch hätte hier sein können. Dass ich offiziell hier lebe, vom Einwohnermeldeamt bestätigt. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, das zu ändern, und ich glaube, dass diese Entscheidung richtig ist.
Und trotzdem kostet sie mich Kraft, macht mich unendlich traurig.

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Jede Entscheidung ist besser als keine Entscheidung

As the clouds began to gather
Oh I wailed like a newborn babe
And opened the book of bad decisions I have made
Clutch – Book of Bad Decisions

Krank zu sein und etwas daran ändern zu wollen ist ein Vollzeit-Job.
Für jede erledigte Aufgabe, jeden Posten auf der to do-Liste erscheinen umgehend zwei neue. Jeder davon unangenehmer als der vorige. Jeder mit immer schwierigeren Entscheidungen verbunden. Und wenn ich eines nicht kann, dann genau das: Entscheidungen treffen. Ganz egal, ob es um die großen oder die kleinen Dinge geht. Darum, welchen Weg man im Leben gehen will. Oder darum, welches T-Shirt man heute anzieht.

Leider sind die meisten der Entscheidungen, die momentan getroffen werden müssen, deutlich komplexer. Und ich scheitere daran.

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Warten auf Montag

Blue is the colour of my soul
Bad times breaking up my life lines
Now my days are all overcast
And I can’t seem to find my way up on this lonely road
Graveyard – Blue Soul
Entscheidungen zu treffen ist etwas, das mir aus vielen Gründen nicht leichtfällt. Die Depression, die Angst, das Trauma, all das macht manchmal selbst die Wahl zwischen zwischen zwei T-Shirts oder dem Abendessen kompliziert. Leider bin ich gerade in einer Situation, in der ich ständig Entscheidungen treffen muss, die mein ganzes Leben beeinflussen.

Das schwierigste ist aber dennoch nicht die Entscheidung selbst, sondern der Punkt, an dem man eine Entscheidung in die Tat umsetzen muss. Anzurufen. Aufzustehen, sich anzuziehen und das Haus zu verlassen. Die erste Hürde ist immer der Kopf, aber die zweite, oft viel größere, ist der Körper.

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Kapitel 1: Was wirklich wichtig ist

We grow old all at once
And it comes like a punch
In the gut, in the back, in the face
When it seems someone’s lied
And our parents have died
Then we hold onto each other in their place
And I feel the water risin‘ around us
And maybe that’s okay
Yeah, I feel the world changin‘ all at once
I guess it’ll be okay
The Airborne Toxic Event – All At Once

Als das Jahr 2018 geendet ist, haben wir alle ein Blatt Papier genommen. Um aufzuschreiben, was wir hinter uns lassen wollen. Wir haben es kurz nach Mitternacht angezündet und vom Laubengang geworfen.
Schweigend, in unseren Gedanken. Während um uns herum das Feuerwerk ging. So lange, bis das Papier ganz unten angekommen und langsam verbrannt ist.
Jeder vertreibt die bösen Geister. Auf seine Weise.
Schon die ersten Atemzüge danach fühlten sich besser an. Freier. Nicht jeden Tag, nicht jede Minute. Aber immer mehr. Immer länger.

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Warum ein guter Tag nicht immer gut ist – aber immer noch besser als ein schlechter

And higher and higher and higher I go
And deeper and deeper and deeper the flow
And higher and higher and higher we go
And deeper and deeper and deeper we fall
Disillusion – The Liberation

Heute ist ein positiver Tag. So positiv, dass ich mich schon frage, ob ich überhaupt noch in die Klinik muss oder ob es mir dafür nicht schon zu gut geht. Was, wie ein Teil von mir sehr wohl weiß, Schwachsinn ist. Aber so funktioniert mein Kopf. Alles, was schlecht ist, passiert so abgetrennt und abgespalten von meinem Bewusstsein, dass es mir schon absolut unterirdisch gehen muss, damit ich es wirklich wahrnehme. Auch deshalb hat es so immens lange gedauert, zu begreifen, wie tiefgreifend meine Probleme sind. Und obwohl ich diesen Mechanismus jetzt erkannt habe, hört er nicht auf zu funktionieren. Ich habe einen guten Tag oder sogar eine ganz gute Woche – und sofort denke ich, dass es ja gar nicht so schlimm sein kann.

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Prolog

Will you look at me?
Take a good look at me and tell me who
It is that I am.
First Aid Kit – Dance to Another Tune

“Warum ist das wichtig?”, fragt die Therapeutin. Sie ist die dritte Psychologin, die das fragt. Die vierte, vielleicht sogar fünfte. Mich irritiert es. Jedes Mal.
Wie kann es denn nicht wichtig sein, was andere sagen? Ich versuche es ihr zu erklären. Wie den anderen zwei, drei oder sogar vier Therapeuten vor ihr. Denn in meinem Kopf ist das alles komplett logisch. Ab einer gewissen Menge ist es eine valide Menge. Ergo ich kann mich der immerwährenden Kritik an meiner Person unmöglich weiter entziehen. Die Zahlen sprechen für sich.

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Anfangsreflexion

Beating chest and drums
Beating tired bones again
Age-old battle, mine
Weapon out and belly in
Tool – Invincible

Das ist also der Versuch, in Worte zu fassen, worüber ich seit Wochen nicht aktiv nachdenken will. Worüber ich eigentlich schon mein ganzes Leben lang nicht aktiv drüber nachdenke. Schreiben hat für mich schon immer eine therapeutische Wirkung. Ich setze mich an den Schreibtisch, klappe den Laptop oder das Tagebuch auf und fange an. Meistens ohne zu wissen, wo es mich hinführt. Das Schreiben läuft dann wie von selbst und am Ende steht meistens eine Erkenntnis schwarz auf weiß vor mir, die mir vorher so noch gar nicht klar war. Aber bei diesem Thema spüre ich eine Blockade, jedes Mal, wenn ich es versuche.

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